Das Publikum ausgesperrt

- Der fünfte Streich sollte das Festival endlich adeln. Der Chef verglich die Uraufführung im Prinzregententheater gar mit Helmut Lachenmanns "Mädchen mit den Schwefelhölzern", mit jenem epochalen Musiktheater-Opus also, das Peter Ruzicka 1991 in Hamburg ermöglichte und das wohl sein Selbstverständnis als Kulturmanager am stärksten prägte.

<P>Zu dieser spannungsvoll erwarteten Arbeit holten sich die Münchner prominente Koproduzenten ins Boot (New Yorker Lincoln-Center, Ruhrtriennale, Pariser Festival d'Automne) - "Shadowtime", erste Oper von Brian Ferneyhough, demnach als Finale furioso der Biennale Nummer neun?<BR><BR>Komplexe Musiksprache</P><P>Doch Vorsicht, Untertitel: Ferneyhoughs Begriff der "Gedankenoper" hielt, was er verhieß. Dem Komponisten samt Librettisten Charles Bernstein schwebte eine Einkreisung von Walter Benjamin vor. Mit Schlaglichtern auf Leben und Denken, mit philosophischen Erwägungen und erfundenen Gesprächen, zu denen Hitler und Pius XII., Karl Marx und Groucho Marx beschworen wurden. Doch ach: keine Helden und Handlungsträger, keine nachvollziehbare Erzählstruktur, keine Regie als Erhellungsinstanz - so wenig Theater war heuer nie auf diesem Festival.<BR><BR>Dabei kann Ferneyhoughs Partitur durchaus imponieren. Sehr versiert aufs Blatt geworfen, hochkomplex und bis in die Mikrogeste ausgeklügelt ist diese Musiksprache, schrundig und zerrissen, Entwicklungsschichten überlagernd und auf motivische Kürzel verknappt; eine Sprache, die oft im ermüdenden Einheits-Mezzoforte wetterleuchtet, dabei die Einzelinstrumente des mit Schlagwerk angereicherten Kammerorchesters stark individualisiert. Fassbarer wird Ferneyhoughs Opus in den Chorszenen, in denen er moderne Homophonie schreibt, alte Formen zitiert oder mit Zischen und Zeitlupenflüstern neue Klangelemente einbaut. Oder wenn er sich mit Gitarren- und Klavier-Soli eine Art Hyper-Virtuosität gestattet und gegen Ende des zweistündigen, pausenlosen Stücks alles skurril überreizt, dabei (ungewollte?) Komik erzielt.<BR><BR>Ferneyhoughs Oper verharrt im Konzertanten. Das ist für ein Musiktheater-Festival allein schon fragwürdig. Ebenso, dass die Biennale hier nicht das gewohnte Forum für einen Neuling bot, sondern für einen Etablierten, der weite Teile des Werks überdies schon an anderem Ort vorgestellt hatte. Viel schlimmer jedoch: "Shadowtime" wendet sich nie an ein Gegenüber, sondern kreist autistisch um sich selbst, von Theorielasten beschwert und bar jeglicher Sinnlichkeit.<BR><BR>Die Gleichzeitigkeit der Aktion, die Überblendung verschiedener, nur durch intensive Vorbeschäftigung einleuchtender Texte, die in dieser Aufführung kein Mensch versteht, auch die Selbstverliebtheit, mit der sich die Autoren an ihrer Kunst weiden, all das sperrt das Publikum aus. Eine Herkulesarbeit also für einen Regisseur, an der Fré´dé´ric Fisbach scheitern musste. Kulissenschiebereien auf schwarzer Bühne, aufgekratzte Blaumännchen und -weibchen mit Rothaar-Perücke, die - von hinten unlesbaren - Textbahnen, auch die Flucht ins dankbare Schattentheater: Von Hilflosigkeit zeugte das, auch vom honorigen, wiewohl gescheiterten Vorhaben, "Shadowtime" eigene Akzente entgegenzusetzen.<BR><BR>Und so blieben Sieger des Abends die erstaunlich engagierten Solisten, an der Spitze Ekkehard Abele (Walter Benjamin) und Nicolas Hodges (Klavier), sowie das hochversierte Nieuw Ensemble Amsterdam, das von Jurjen Hempel derart souverän gelotst wurde, als habe er selbst die Partitur entworfen. Heftiger Applaus für die Mitwirkenden, gedämpfter für Ferneyhough: "Der abenteuernde König von Vieldeutigkeit und Dunkelheit" wird Walter Benjamin im Stück genannt. Aber dann wäre sein Komponist der Kaiser mit den neuen Kleidern.<BR></P>

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