Publikum elektrisiert

- Wie schön, wenn Haydn ernst genommen, wie schade, wenn er gleich darauf von Schostakowitsch weggepustet wird. So jedenfalls geschah es im Münchner Herkulessaal, als das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter seinem neuen Chef Mariss Jansons zum zweiten Abo-Konzert antrat.

Jansons hat schon jetzt Musiker und Publikum fest im Griff: Die BR-Symphoniker wirkten bereits bei der eröffnenden Londoner Symphonie Nr. 100 in G-Dur hoch motiviert. Sauber gearbeitet, mit wunderbar weich abgemischtem Holz entfaltete Jansons die Sätze höchst transparent, dabei doch herb-kräftig abgeschmeckt mit dem "militärischen" Einsatz der türkischen Musik (Triangel, Becken, Trommel), die im turbulenten Finale noch einmal aus dem Parkett dazwischenfuhr.<BR><BR>Als wunderbare Verschwisterung von symphonischer und Kammermusik erklang die dreisätzige Sinfonia concertante für Oboe, Fagott, Violine, Cello und Orchester. Dass Jansons gerade sie wählte, scheint Programm: Denn in der kunstvollen Verschränkung der Stimmen, im musikantischen Elan des Werks zeigte sich, was er seinen Musikern abverlangt: Höchste Professionalität im Alleingang (hier dokumentiert von Stefan Schilli, Eberhard Marschall, Radoslaw Szulc und Wen-Sinn Yang) und ein kammermusikalisch waches, intelligentes Miteinander im gesamten Orchester.<BR><BR>Große Freude beim Publikum, das der sympathisch-bescheidene Jansons mit Schostakowitschs Sechster förmlich elektrisierte. Das Largo, mit dem diese formal unorthodoxe, dreisätzige Symphonie in den tiefen Streichern beginnt, breitete Jansons mit großem Klang und lastender Intensität aus, aufgehellt durch versöhnlichere, ausdrucksintensive Holzbläser-Gedanken. Bis hin zum im Pianissimo verklingenden Schluss, bei dem der Hörer gebannt den Atem anhielt.<BR><BR>Die beiden folgenden, schnellen Sätze - Allegro und Presto - steigerte Jansons nicht nur ins bizarr Lärmende und Gewaltsame, fast in eine Absurdität, sondern auch in eine atemberaubende Orchester-Brillanz. Dafür wurden er und die BR-Symphoniker mächtig gefeiert.<BR>

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