Dem Publikum ganz nah

- "Alles große Macher in unserem Gewerbe", sagt Pompejus Sterz, Schankkellner und Kuppler, und zählt jeden einzeln auf: den Herrn Halbseiden und den Herrn Bocksprung, den jungen Schwindolin, die Herren von Talmi und Schlauschwur und wie sie alle heißen. Ein deftig-hanswurstiges Kabinettstück. Denn der Sterz, der mit seinem dick ausgestopften Hintern so aussieht wie sein Name besagt, pickt sich dabei seine Kandidaten schon heraus aus dem Publikum.

<P>Wir aber denken: Alles große Macher da oben auf und hinter der Szene. Denn wie sie abrupt wechseln zwischen drastischem Vorstadtbühnen-Remmidemmi und der großen Leidenschaft der Tragödie, das zeugt von der spielerisch-perfekten Beherrschung der Mittel des Theatergewerbes, das beweist die Handschrift des Hausherrn. Dieter Dorn inszenierte im Münchner Residenztheater William Shakespeares "Maß für Maß", das vor genau 400 Jahren uraufgeführt wurde. Michael Wachsmann hat die Übersetzung geliefert: hervorragend in Poesie, Doppelbödigkeit und Witz.<BR><BR>Aus früheren Arbeiten Dorns weiß man, wie sehr es ihn drängt, dem Publikum ganz nah zu kommen, das Spiel sozusagen hineinzutragen in den Zuschauerraum. Also auch diesmal. Direkt an die Rampe hat Bühnenbildner Jürgen Rose eine Zweitbühne in Form eines durch ein Podest erhöhten Tempels gestellt: das Zentrum der Macht. Drum herum ein paar Gitter-Absperrungen. Dahinter wie eine Wand die graue Silhouette der Stadt. Das Volk, hier bildlich auf Prospekten porträtiert, muss draußen bleiben und sieht dennoch alles, was geschieht. In der Mitte des Parketts ein Gang, in dem setzt sich die Szene fort. Das hat den Witz von Volkstheater, doch wird der auch überstrapaziert. Und nicht selten wünscht man sich angesichts der unattraktiv zugebauten Bühne, dass sie - wie doch sonst bei Dorn und Rose - wieder der assoziationsfreie, tiefe Raum sein möge.<BR><BR>Ein lauter Schrei durchbricht die Stille des Beginns. Nachdem die Musiker mit sanften Klängen das Publikum in gespannte Ruhe versetzt haben, brüllt Vincentio sein "Escalus", zitiert damit seinen Vertrauten, den betagten Lord, zu sich, reißt den Tempel-Vorhang herunter - und zu sehen ist der schlaffe Herzog vor dem roten Regierungsschreibtisch im Bücher- und Aktenchaos, was dem Zustand seiner Stadt entsprechen mag. Er will da raus, man kann's verstehen. Und Rainer Bock gibt seiner Rolle alle Attitüden des amtsmüden, ratlosen Herrschers. Wohl auch liebenswert, aber mit kindisch verspielter Laune, die ihn unterschwellig immer gefährlich sein lässt. Dass es ihm danach in seiner Verkleidung als Mönch passiert, sich in die unglückliche Isabella zu verlieben, nimmt man ihm schwerlich ab. Genauso wenig, weil insgesamt ein bisschen zu behäbig, die andere Interpretationsmöglichkeit: dass er Isabella nur begehrt, weil sich sein Stellvertreter Angelo nach ihr verzehrt, und Maß für Maß das Motto des Herzogs ist.<BR><BR>Nicht bloß Schurke, sondern auch Charakter</P><P>Ein Glanzstück, das Stefan Hunstein hier liefert. Es muss mal ausgesprochen werden: Dieser Schauspieler wird, den Jünglingsrollen endlich entwachsen, immer besser. Sein Angelo: nicht nur Machtrausch, Verlogenheit, eiskaltes Politkalkül und Brutalität, wenn er zum Beispiel besinnungslos vor Begehren Isabella zu vergewaltigen versucht, sondern ebenso Zweifel, Selbsterkenntnis, Gefühl und Liebe. Nicht bloß Schurke, sondern auch Charakter. Fesselnd in den Monologen, intelligent im Paktieren mit dem Publikum.<BR><BR>Zwischen diesen Männern Sunnyi Melles als Isabella. Es ist erstaunlich, wie die Geradlinigkeit ihrer Leidenschaft, diese Reinheit und Naivität sie wieder zu einem jungen Mädchen werden lassen. Die Melles braucht keine Maske, sie selbst ist ganz Ausdruck und vollkommen anverwandelt ihrer Rolle. Wunderbar die Szene ihrer Einkleidung zur Novizin und ihr überraschtes Lachen, als die Stimme eines Mannes zu hören ist. </P><P>Dieses Strahlen gibt's erst wieder am Schluss: wenn sie, als Zeichen dafür, dass sie die Werbung des Herzogs annimmt, das Gewand der Keuschheit abstreift, es zusammenrollt, auf den Boden legt und nun im weißen Unterkleid sich zu Vincentio begibt. Vor unfassbarer Freude schlägt sie die Hände vors Gesicht; vielleicht auch um nicht sehen zu müssen, dass dieser Mann kaum besser ist als Angelo - mit dem Unterschied, dass Angelo sie liebt und der Herzog, wie's ausschaut, viel zu bequem dazu und gelangweilt ist. Dazwischen allerlei Leid, reichlich Fanatismus in Sachen Glaube und Ehre und zarte Komik: Sunnyi Melles hochintensiv.<BR><BR>Ein insgesamt bestens positioniertes Ensemble, das seinem Regisseur engagiert und mit Spiellust auf den schwierigen Pfaden des Stücks folgt, das so einfach und so vielschichtig zugleich ist. Hervorgehoben seien hier stellvertretend fürs Ganze der wunderbare Helmut Stange als Escalus, der herrliche Jörg Hube als Pompejus Sterz, der so smarte wie kluge Ulrich Beseler als Profoss, der komödiantisch begabte Janko Kahle als tumber Konstabler. Eine hinreißende Extrapartie leistet sich Thomas Loibl: Lord Lucio, ein Krieger im Wartestand, ein Playboy, Aufschneider und Randalierer. Ein Typ von heute. Und in dieser Aufführung irgendwie auch Animateur und Spielmacher.<BR><BR>Dass übrigens "Maß für Maß" in Wien angesiedelt ist, liegt allein an der geografischen Willkür Shakespeares. Die Musik jedoch nimmt das ironisch auf und intoniert hin und wieder das Leitmotiv aus dem Wien-Film der Nachkriegszeit "Der dritte Mann". Ansonsten bleibt diesmal die musikalische Begleitung von Dorns Inszenierung erstaunlich beliebig.<BR>Am Ende des Premierenabends viel Beifall für die "großen Macher", denen diesmal vor lauter Machbarkeit die Poesie und die Erotik, der spielerische Tanz auf dem Dornschen Hochseil des Theaters abhanden gekommen ist.<BR></P>

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