+
Ebenfalls Kult: „Tanz der Vampire“, verfilmt von Roman Polanski mit Sharon Tate und Ferdy Mayne.

Das Publikum giert nach Theaterblut

Wer sich vom Musical noch immer ein Stück heile Welt erwartet, der dürfte bei der morgigen Gärtnerplatz-Premiere von „Sweeney Todd“ sein blaues, besser: sein rotes Wunder erleben. Der Messer schwingende Barbier ist aber nicht der erste Serienmörder, der den Weg auf die Musicalbühne gefunden hat.

Was waren das früher doch für harmonische Zeiten! Damals, als es mit der Wirtschaft noch bergauf ging und die hiesigen Stadttheater im heiteren Musical einen legitimen Nachfolger für die dahinsiechende Operette gefunden hatten. Zur Freude der Abonnenten wurde man mit Komödien wie „Hello Dolly“ oder „My Fair Lady“ verwöhnt, die lange Zeit Inbegriff des Genres waren. Ohne einen anständigen Bösewicht, der dem Happy End zumindest kurzzeitig im Weg steht, kamen freilich auch die beliebten Heile-Welt-Stücke selten aus. Ja, schon im „Black Crook“ von 1866, dessen Premiere gemeinhin zur Geburtsstunde des Musicals erklärt wird, entführte man den Zuschauer mit reichlich Theaterblut gar ins Reich des Teufels.

Den bösen Buben selbst zur Hauptfigur zu machen, sollte jedoch eher die Ausnahme bleiben. Wenn überhaupt, ging das nur mit einer ordentlichen Prise Humor. Und der darf im angloamerikanischen Raum ja gerne schwärzer ausfallen. Dort lacht man bis heute ungeniert, wenn etwa die fleischfressende Pflanze Audrey II im „Little Shop Of Horrors“ ihre Opfer verschlingt oder „Bat Boy“ während dem Rendezvous kleinen, flauschigen Hasen die Reißzähne ins Fell jagt. Heile Welt?

Nicht die Spur! Kaum ein Tabu, das in den vergangenen Jahren auf der Musicalbühne nicht gebrochen worden wäre. Was auf nicht ganz so blutige Art auch der Off-Broadway-Hit „Non(n)sens“ demonstriert, wo eine Gruppe gottesfürchtiger Nonnen eine lustige Revue auf die Beine stellen muss, um das Begräbnis ihrer versehentlich vergifteten Mitschwestern zu finanzieren. Ja, sogar Kannibale Hannibal Lecter und der Hollywood-Hit „Das Schweigen der Lämmer“ wurden bereits parodistisch als Musical verarbeitet – wenn auch ohne kommerziellen Erfolg.

Auf der dunklen Seite hat diesen heute neben der „Rocky Horror Show“ höchstens noch der „Tanz der Vampire“, der sich bei uns zum echten Kult gemausert hat und aktuell in Oberhausen die Kassen klingeln lässt.

Denn anders als Elton John, dessen schwülstiges Vampirdrama „Lestat“ von den Kritikern schnell zurück in die Gruft befördert wurde, befolgten Roman Polanski und Jim Steinman bei ihrem Grusical stets eine goldene Regel des Broadway: „Make ’em laugh!“ Egal wie blutig und gemein es auf der Bühne zugeht, das Publikum soll auch lachen können! Und sei es nur, um den anfänglichen Schrecken schneller schlucken zu können.

Diese Regel setzte kaum einer so gut um wie Stephen Sondheim, dessen schaurig schöner Musical-Thriller „Sweeney Todd“ nun am Gärtnerplatztheater seine überfällige Münchner Erstaufführung erlebt. Auch diese Geschichte vom unschuldig Verurteilten, der nach Jahren in Verbannung der gesamten Menschheit blutige Rache schwört, will zunächst nicht zwingend als ideales Musicalthema erscheinen. Dennoch schuf Sondheim 1979 einen der Klassiker des Genres, mit dem er das Publikum über eine emotionale Achterbahn zwischen großer tragischer Oper und schwarzhumorigem Vaudeville schickt. Eine gelungene Mischung, die selbst seriöse Häuser wie das Royal Opera House Covent Garden in London überzeugte. Hier fand „Sweeney Todd“ als erstes Musical überhaupt seinen Weg ins Repertoire.

Im Vergleich dazu kann man am Münchner Gärtnerplatz auf eine lange Tradition zurückblicken. Gab es doch dort mit „Into The Woods“ und dem „Lächeln einer Sommernacht“ schon vor Jahren zwei sehenswerte Sondheim-Stücke. Nun muss sich nur zeigen, wie viel schwarzen Humor sich die Münchner über die Jahre der Musical-Schonkost mit Dolly, Kate und Eliza gerettet haben.

von Tobias Hell

„Sweeny Todd“

von 20. Februar an im Staatstheater am Gärtnerplatz;
Telefon: 089/21 85 19 60.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Gergiev und die Münchner Philharmoniker: Warum Bruckner?
Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker setzen ihren Bruckner-Zyklus mit der Achten fort. Eine Enttäuschung.
Gergiev und die Münchner Philharmoniker: Warum Bruckner?
Christine Nöstlinger ist gestorben
Die österreichische Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Dies bestätigte am Freitag der Residenz-Verlag in Wien. 
Christine Nöstlinger ist gestorben
Lebensprojekt München: Mariss Jansons bleibt bis 2024
Das ist auch eine kulturpolitische Entscheidung mit Blick auf den Konzertsaal: Mariss Jansons bleibt seinem Orchester ungewöhnlich lang erhalten.
Lebensprojekt München: Mariss Jansons bleibt bis 2024
Earth, Wind & Fire auf dem Tollwood: Im Boogie-Wunderland
Earth, Wind & Fire haben bei ihrem Konzert in der Toolwood-Arena eine mitreißende Show geliefert. Disco kann so einfach sein, findet unser Redakteur - eine Nachtkritik.
Earth, Wind & Fire auf dem Tollwood: Im Boogie-Wunderland

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.