Publikumsschelte der singenden Courage

- Joan Baez Folk Songs. Da denkt man an Flower Power, Peace-Anstecker, Woodstock, liebenswerte Mitbürger in erdfarbenen Gewändern und gesundheitsbewusst ausgewähltem Bequemschuhwerk. Genau diese Kategorie der professionellen, zum Großteil schon graumelierten Gutmenschen fand sich am Dienstag in der Philharmonie zusammen. Eine Sternstunde sollte es werden. Joan Baez stand auf dem Programm. Und genau da fing das Drama an.

Denn der Country-Sänger Darden Smith, der wacker als Vorgruppe seine Songs zum Besten gab, war nicht auf den Plakaten angekündigt. Spielte aber eine knappe Stunde, bevor er vom Publikum unsanft von der Bühne geklatscht und gebuht wurde. Man wollte die "First Lady der Friedensbewegung" sehen, nicht ein texanisches Talent voller Schwermut im Blut. Empörung, Aufruhr und eine 15-minütige Pause folgten. Wie sich später herausstellte, ist dem Münchner Veranstalter Bell'Arte-Konzerte kein Vorwurf zu machen. Dem US-Management der Tour hingegen schon. Denn sie brachten Darden Smith durch ihre rigide Informationsverknappung erst in die Rolle des Buh-Mannes.<BR><BR>Dann endlich betrat sie die Bühne: eine kleine, zarte Frau im schwarzen Samtkleid und mit roten Sandalen, die obligatorische Gitarre um den Hals. Ihren Teil des Abends begann Joan Baez mit einer Publikumsschelte. So etwas hätte sie noch nie erlebt. Darden Smith sei ein ausgezeichneter Sänger, und das Benehmen der Zuschauer wäre mehr als unangebracht.<BR><BR>Die sichtliche Verstimmung der leibhaftigen Legende legte sich während des Konzertes nicht mehr. Aber mit Klassikern wie "Farewell Angelina" legte Baez erst einmal los. "Sweet Sir Gallahad", das Lied auf den Hippie-Freund ihrer Schwester, fehlte ebenso wenig wie "The Night They Drove Old Dixie Down", "It's All Over Now, Baby Blue" oder "Manha De Carnaval".<BR><BR>Die singende Mutter Courage spulte diese Evergreens mit bewundernswerter Exaktheit ab. Die mädchenhafte, klare Tremolostimme klang wie im Tonstudio - perfekt-nüchtern. Der Funke sprang nicht über. Auch nicht bei Songs wie dem meditativen "Elvis Presley Blues", dem Woody Guthrie gewidmeten Countrywaltz "Christmas in Washington" oder dem rockigen "Motherland" mit seinen düsteren, schleppenden Gitarrenriffs.<BR><BR>Diese Auskoppelungen aus dem neuen Album "Dark Chords On A Big Guitar" bewiesen, dass sich das Publikum erst noch an die Wandlung der sanften Grand Dame des Folk zur altersweisen Rockerin gewöhnen muss.<BR>

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