+
Alfred Grosser legte gerade sein neues Buch „Le Mensch“ vor, das bereits auf den Bestsellerlisten steht. 

Deutsch-französischer Freundschaftsstifter

Publizist und Optimist Alfred Grosser: „Jeder ist ein Weltverbesserer“

  • schließen

Er ist ein leidenschaftlicher Vermittler der europäischen Idee: Alfred Grosser. Der deutsch-französische Freundschaftsstifter kommt nach München und spricht mit uns über Identität und Religion.

1925 in Frankfurt am Main geboren, jüdischer Herkunft, 1933 mit den Eltern nach Frankreich emigriert, französischer Staatsbürger, Germanist, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, emeritierter Professor für Politikwissenschaft, überzeugter Atheist, Autor, leidenschaftlicher Vermittler deutsch-französischer Freundschaft sowie der europäischen Idee: Das alles ist Alfred Grosser, dieser unermüdliche Aufklärer und Idealist. Sein aktuelles Buch heißt „Le Mensch“ und ist ein äußerst lesenswerter Streifzug durch die Themen, die die Welt bewegen.

-„Le Mensch“ – das ist ein sehr schöner Titel für Ihr Buch.

Ja, deswegen ist auch „Die Ethik der Identitäten“ nur der Untertitel geworden. Da hätten doch alle gedacht, es würde sich um ein philosophisches Buch handeln. Ich will aber von allen verstanden werden. Darum bin ich auch schon auf der „Spiegel“-Bestsellerliste.

-Sie schreiben: „Ich hatte das Glück gehabt, etwas mehr Weltverbesserer zu sein als die meisten Menschen.“ Und einige Sätze weiter heißt es: „Man könnte verzweifeln.“ Glauben Sie angesichts der politischen Weltlage, insbesondere der in Europa, noch immer an die Erziehung des Menschengeschlechts?

Ich nehme Lessings Titel „Die Erziehung des Menschengeschlechts“ sehr gerne für mich in Anspruch. Das ist ja meine Identität. Ich wollte gerade dadurch immer ein Weltverbesserer sein. Es ist die Zuversicht, und es ist zugleich die Verzweiflung, beides habe ich in mir, und beides gehört zusammen. Wenn man sieht, wie in der Welt gefoltert, gehungert, ermordet wird, kann man total verzweifeln. Wenn ich immer wieder einmal vor meinen geliebten Gymnasiasten stehe, zuletzt erst kürzlich in Frankreich vor 500 jungen Menschen aus verschiedenen Schulen, bin ich zuversichtlich, dass sie, diese jungen Europäer, die Welt verbessern können.

-Wie,  denken Sie, sind in unserer globalisierten Welt die Menschen zu beeinflussen?

Wenn du einen traurigen Menschen in der Untergrundbahn anlächelst, hast du schon die Welt verändert. Im täglichen Benehmen, im Umgang miteinander kann jeder ständig seine Umwelt verändern. Da ist jeder ein Weltverbesserer. Und ich durfte das ein bisschen mehr sein, insofern ich viel für die deutsch-französische Beziehung getan habe. Ich sage das ohne Überheblichkeit. Und ich hoffe, es noch weiterhin tun zu können. Auch auf dem Gebiet der Medien. Ich würde gerne erreichen, dass die Menschen besser sprächen über Europa. Es  gäbe  doch so viel Positives zu berichten. Aber in den Medien findet das nicht statt, da wird nur das Negative registriert.

-Sie widmen sich in Ihrem Buch ausgiebig den „Identitäten der Religionen“. Wie  ist der diesbezüglich Ahnungslosigkeit heutiger Generationen zu begegnen?

In Bayern zum Beispiel, wo seit Horst Seehofer das „C“ im Namen der Regierungspartei keine Bedeutung mehr hat, denn „C“ heißt „christlich“ und das beinhaltet, dass jeder Mensch die gleiche Würde besitzt, müsste dieses „C“ auch den Flüchtlingen gegenüber gelten. Wie es Kardinal Marx, der mir ein Freund ist, zu Recht gesagt hat:  Man könne nicht  zugleich katholisch und fremdenfeindlich sein.

-Sollte in den Schulen nicht  mehr  Wissen  über die  Religionen  und über ihre Geschichte  vermittelt werden?

Bei uns in Frankreich, dem laizistischen Staat, gibt es an einigen Schulen ein neues Fach, Religionskunde. Und einer meiner jüngeren Enkel kommt aus der Schule und sagt: „Wir hatten heute Religionsunterricht – der Islam ist doch etwas Schönes.“ Ich frage: „Und das Christentum?“ Er: „Dafür hatten wir noch nicht genug Zeit gehabt.“ Ja, im Prinzip ist Religionskunde eine gute Sache. Doch kommen da natürlich auch die einzelnen Vertreter der Religionen zum Zuge, und jeder von ihnen will beweisen, dass er – und zwar nur er – Recht hat; alle anderen Religionen sind demnach im Unrecht. Also ich weiß nicht, wie man das objektiv und neutral unterrichten soll. Lehrt man das, was in der Bibel steht? Doch was bleibt von der Bibel, wenn man sie auf historische Fakten reduziert? Das meiste hat es ja so nie gegeben. Wenn man beim Koran dieselbe Methode der Untersuchung vornimmt, riskiert man, ermordet zu werden. Das ist der Unterschied.

-Sie waren, wie Sie im Vorwort schreiben, ein „beamteter Professor“ und hielten sich somit für privilegiert. Halten Sie das Szenario, das Michel Houellebecq in seinem Roman „Die Unterwerfung“ entwickelt, nämlich die widerstandslose Anpassung der Intellektuellen an eine fiktive islamische Diktatur, für realistisch?

Ich habe angefangen, dieses Buch zu lesen, aber ich war so angewidert, dass ich nicht weitergelesen habe. Die Anpassung der Intellektuellen – das stimmt doch gar nicht. In Frankreich gehörten sie immer zum Widerstand, man denke nur an die Résistance. Aber er muss einfach das Negative schreiben, er muss übertreiben, er muss den Teufel an die Wand malen – und hat damit auch noch großen Erfolg. Nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemals so käme.

-Identität – ist das nicht immer  auch eine Charakterfrage?

Identität ist keine Charakterfrage. Der Charakter ist, dass man sich selbst in Frage stellt. Identität ist eine Frage der Offenheit gegen sich selbst. Und dann kommt dazu der Finger, mit dem die anderen auf einen zeigen: Wie wird man von denen identifiziert? Es spielen auch noch immer Klassenunterschiede eine Rolle: Man wird in eine Identität hineingeboren, aus der man nicht mehr herauskommt. Leider formen heute zunehmend soziale Unsicherheiten die Identität. In Deutschland und bei uns in Frankreich ist es bedauerlicherweise so, dass 80 Prozent der jungen Leute keine feste Anstellung bekommen. Wir geraten, sozial gesehen, in eine Periode der Unsicherheit des Berufs, da fast nur noch befristete Verträge abgeschlossen werden. Für den, der das erlebt, wird das zu seiner Grundidentität. Ob sich das durch die bevorstehenden Wahlen zum Besseren wenden wird?

-Wie ist Ihre Prognose für die Wahl in Frankreich?

Die Prognose ist eine Hoffnung: Macron, Macron, Macron.

Das Gespräch führte Sabine Dultz.

Alfred Grosser: „Le Mensch – Die Ethik der Identitäten“. Dietz Verlag, Bonn, 283 Seiten, 24,90 Euro.

Diskussion im Münchner Literaturhaus: Alfred Grosser und Jaroslav Rudiš über „Was ist Heimat? Gibt es eine europäische Identität?“; 3. April, 20 Uhr; Telefon (089) 29 19 34 27.

Hier gelangen Sie zu weiteren Kulturthemen

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Schauspiel-Legende Margot Hielscher gestorben
Sie war eine deutsche Diva und ein Multitalent: Margot Hielscher. Die Grande Dame der Leinwand, Showbühne und des Fernsehens war jahrzehntelang erfolgreich. Nun ist sie …
Schauspiel-Legende Margot Hielscher gestorben
„Lear“ in Salzburg: Apokalypslein now
Die letzte Premiere der Salzburger Festspiele bringt ein Schlüsselwerk der Moderne auf die Bühne, Aribert Reimanns „Lear“. Während Bariton Gerald Finley triumphiert, …
„Lear“ in Salzburg: Apokalypslein now
Fans fassungslos: Jamie-Lee hat eine Mitteilung, die alles verändern wird
Sie wurde Letzte beim ESC 2016. Doch trotzdem machte sie weiter. Doch jetzt sind die Fans fassungslos: Jamie-Lee hat eine Mitteilung, die alles verändern wird.
Fans fassungslos: Jamie-Lee hat eine Mitteilung, die alles verändern wird
Maler Karl Otto Götz ist tot
Er galt als Pionier der abstrakten Kunst der Nachkriegszeit: Karl Götz. Der Maler ist im Alter von 103 Jahren gestorben.
Maler Karl Otto Götz ist tot

Kommentare