Puccini mit Suchtfaktor

München - Vor gut einem Jahr balgten sich die Fans fast um die Karten für die konzertanten Aufführungen in der Münchner Philharmonie. Der Mitschnitt von Giacomo Puccinis "La Boh´¨me" mit Anna Netrebko und Rolando Villazón erscheint heute auf CD.

Anzuhören ist den beiden Silberscheiben nicht, dass die Aufnahme am Super-GAU vorbeischrammte. Während der gesamten Münchner Vorbereitungszeit ließ sich Villazón bekanntlich entschuldigen, schenkte sich sogar die Generalprobe und Kollegin Netrebko damit die ungewohnte Situation, zwei Stunden ohne Anschmachtpartner zu verbringen. Es war, wie wir heute wissen, der Auftakt zu seinem Krisenjahr.

Als sich dann auch noch Bariton Mariusz Kwiecien malad fühlte und während des ersten Konzerts den Marcello an Kollege Boaz Daniel weiterreichte, dürften die Organisatoren dem Infarkt nahe gewesen sein. Alles mittlerweile zwar nicht vergessen, aber vorbei: Villazón hielt gerade Netrebkos "eiskaltes Händchen" in Wien. Dort, in den Filmstudios am Rosenhügel, wurde ein "Bohème"-Streifen gedreht, für den zwar noch kein deutscher Kino-Verleih gefunden wurde, der aber auf jeden Fall irgendwann ins ZDF kommt.

Die Stimmbänder der Stars hatten dabei Betriebsruhe, alle bewegten die Lippen zu eben jenen Konserven-Klängen, die in München aufgezeichnet wurden und ab heute im Handel erhältlich sind. Und die, wie schon live im Gasteig zu erleben war, eines belegen: Die Mimì bleibt die beste Rolle der Netrebko. Keine andere Partie steht ihrem dunklen, leicht unterkühlten, natürlich und groß aufblühenden Sopran besser. Die Stimme klingt glutvoller und nicht so verschattet wie bei anderen Auftritten. In exakt diesem Fach hätte die Russin folglich ihr ideales Betätigungsfeld - jedenfalls nicht bei Donizetti und Bellini, wohin sich die Netrebko dank ihrer Belcanto-Anfälle immer häufiger verirrt.

Dem vor Jahresfrist angeschlagenen Villazón ist die Krise kaum anzumerken. Gute Götter von der Tontechnik mögen da nachgeholfen haben, überdies ermöglicht die CD schließlich das Best-of aus drei Abenden. Villazón verwechselt Intensität außerdem nicht ständig mit Dauerdruck, gestattet sich viele lyrische, umso schönere Passagen: Die gemeinsamen Momente ab dem "Che gelida manina" bis zum Schluss des ersten Akts provozieren selbst beim abgebrühtesten Hörer Gänsehaut: eine Viertelstunde mit Suchtfaktor.

Die übrigen Rollen, darunter die gar nicht so zickig-spitze Nicole Cabell als Musetta, sind hochachtbar besetzt. Das Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks agiert sicher und reaktionsstark auf ungewohntem Opern-Terrain: mit luxuriösem, satten Sound, der dank Dirigent Bertrand de Billy zu einer straffen, unsentimentalen Interpretation gebündelt wird. Schluchz- und Sülzstellen finden sich kaum. Hörbar wird eher die Lust, das Drama in hauchzarten oder prallbunten Momenten zu entdecken. BR-Chor und der Gärtnerplatz-Kinderchor sind da prachtvolle Partner-Ensembles.

Verständlich, dass die CD-Firma alles daran setzt, diese "Bohème" zum Album des Jahres hochzutrompeten. Es ist der erste mediale Auftritt von Netrebko/ Villazón seit langem. Auch dem Star-süchtigen Markt droht schließlich die Übersättigung. Viel Zeit musste also verstreichen, bis die legendäre Salzburger "Traviata"-Produktion mit DVD- und CD-Gesamtaufnahme plus Zusammenschnitt endgültig ausgezuzelt war. Dass es aufgrund von Netrebkos Schwangerschaft demnächst zu keinen gemeinsamen Einsätzen mehr kommt, ist dabei leicht zu verschmerzen - und tut der Entwicklung der beiden Superstars nur gut. Im Sommer immerhin erscheint noch der DVD-Mitschnitt der Berliner Staatsopern-"Manon" mit Daniel Barenboim. Jene Produktion also, mit der sich der quirlige Mexikaner damals in seine (vorübergehende?) Krise verabschiedet hatte.

Giacomo Puccini:

"La Bohème". Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks, Bertrand de Billy (Deutsche Grammophon, 2 CDs).

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