Auf dem Pulverfass des Lebens

- "Wenn man alles brav macht, dann wird es auch brav und langweilig": Walter Schmidinger, ein gefürchteter Spötter, der vor niemandem zurückschreckt; ein schneidend scharf formulierender Kritiker, der verteufeln, verdammen und verehren kann; ein wahnsinniger Komiker; und in allem ein genialer Schauspieler, der voller Demut ist vor dem Dichter und seinem Werk. Dieser Walter Schmidinger zeigte immer widerständischen Mut, auch Hochmut, und war darum stets aufregend. An diesem Montag feiert der Österreicher aus Linz seinen 70. Geburtstag.

<P>Schon längst spielt er nicht mehr in München Theater. 1984 verließ er seine, wie er sie nannte, künstlerische Heimat, in der er ab 1969 agierte - zuerst an den Kammerspielen, dann am Residenztheater -, um nur noch sporadisch zurückzukehren. Zum Beispiel an die Kammerspiele, wo er in Bob Wilsons fantastischem Märchenrausch "Der Mond im Gras" als geheimnisvolle alte Frau zum meisterlichen Zentrum dieser Produktion wurde. Wer ihn sonst noch sehen wollte, musste schon nach Berlin reisen oder zu den Salzburger Festspielen.</P><P>Seine letzte Rolle dort: der Diener Habakuk in Peter Steins Inszenierung von Raimunds "Der Alpenkönig und der Menschenfeind". Abgrundtiefer und schwarzhumoriger lässt sich diese Figur nicht denken. Schmidinger war überhaupt erst die Legitimation für die gesamte, ansonsten weniger gelungene Aufführung. Und als die Kritik ihm dies genauso bescheinigte, war zu erleben, wie aus dem eben noch liebenswertesten, charmantesten aller Komödianten ein berserkerhafter Verteidiger seiner Bühnenkollegen und des Regisseurs wurde. Ein Liebender, der sich in seiner Liebe verletzt fühlte und sprachgewaltig Amok lief.</P><P>An sich selbst hatte Schmidinger dabei am wenigsten gedacht. Es war die reine, Gerechtigkeit heischende Leidenschaft für die Sache und natürlich auch die pure Lust an Zank und Streit. Es waren genau jene - nur scheinbar - unkontrollierten Emotionen, die wir auf der Bühne so sehr an ihm bewundern und in seiner realen Existenz hochachtungsvoll respektieren.</P><P>Denn gerade das ließ Schmidinger zu einem der ganz großen Künstler werden: das Ineinanderverschwimmen der Grenzen zwischen Kunst und Leben, was ihn von Anfang an zu einem so interessanten, aber ebenso gefährdeten Menschen macht. Mehr als es die meisten anderen Schauspieler sind, die ja auch tagtäglich auf der Bühne die Schizophrenie dieses Berufs zu leben haben.<BR>Das Hochsensible, Genialische, das diesen nervigen Künstler so schutzlos ausliefert, hat immer eine Kehrseite: Vor den Gefahren zu geringer Distanz, des künstlerischen Absturzes, des Klamauks und des Kitschs war und ist Walter Schmidinger nie gefeit. In München jedenfalls wird er schwer vermisst. Es gibt nur wenige, die auf diesem hohen ästhetischen Niveau, in dieser Gebrochenheit und Widersprüchlichkeit der Seele die Bühne in ein Pulverfass des Lebens verwandeln können.</P><P>So sei hier erinnert an einige Rollen: an "Richard II." und Shylock in "Kaufmann von Venedig", an Salieri in "Amadeus" und Nestroys "Zerrissenen", an Büchners Leonce, Moliè`res "Eingebildeten Kranken" und Orgon, an den Willy in der Uraufführung von Kroetz' "Heimarbeit", an Bernhards Verleger in "Über allen Gipfeln ist Ruh", an Hauptmanns Arnold Kramer . . .</P><P>Gefürchteter Spötter und<BR>wahnsinniger Komiker</P><P>Sein größtes Geschenk zum Siebzigsten: Im Burgtheater steht Walter Schmidinger an diesem Tag als "Hamlets" Erster Schauspieler auf der Bühne. In der konventionellen Inszenierung Klaus Maria Brandauers. Schmidinger ist's recht, denn zum so genannten Regietheater hat er eine eher distanzierte Meinung: "Regietheater, was soll das sein? Als Regisseur und als Schauspieler hat man nichts anderes zu tun, als die Idee des Dichters zu verwirklichen." Im übrigen meint er zu den rasch als modern apostrophierten und hochgelobten Inszenierungen: "Wir haben das vor 40 Jahren viel besser gemacht - das Stück zu leugnen und nur als Vorlage zu nehmen. Was ich heute sehe, ist oft langweilig, so flüchtig, man begreift das Stück gar nicht in all seinen Verästelungen. Und ich bitte am Theater um eines: dass ich mich nicht langweile."<BR></P>

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