170 Punkte für den Autor

- "Zu einem Fabrikanten, dessen Gattin ihm während eines Messebesuchs entführt worden war, kehrte nach Zahlung eines hohen Lösegeldes eine Frau zurück, die er nicht kannte und die ihm nicht entführt worden war. Als die Beamten sie ihm erleichtert und stolz nach Hause brachten, stutzte er und erklärte: Es ist Ihnen ein Fehler unterlaufen. Dies ist nicht meine Frau." Das fängt ja schon gut an. Die Lektüre - eine Wohltat. Vor allem nach den diversen literarischen Selbstzeugnissen anderer Schriftsteller im reifen Mannesalter.

Botho Strauß, zum Glück nach wie vor der Rätselhafte unter Deutschlands literarischen Größen und immerhin auch schon über 60, ist weit davon entfernt, sich selbst zum Gegenstand seines Schreibens zu machen. Jedenfalls nicht auf so vordergründige Weise, wie dies so manche seiner berühmten Kollegen tun. "Mikado" heißt sein neues, in diesen Tagen erscheinendes Buch. Und so wie das aus dem frühen 17. Jahrhundert stammende gleichnamige Spiel aus 41 Holzstäben besteht, so hat Strauß in diesem schmalen Band 41 Erzählungen versammelt.

Auf dem ersten Blick scheint die Reihenfolge, in der sie zu lesen sind, unwichtig. Doch schnell merkt man, dass auch sie -wiederum wie die willkürlich ausgeworfenen Holzstäbe des Spiels -im "Abbau" einer logischen Gesetzmäßigkeit unterliegen. Keine einzige ist verzichtbar für das kritische, detaillierte Gesamtbild, das dieses Buch von unserer Gesellschaft und dem zwischenmenschlichen Zusammenleben entwirft. Bei "Mikado" handelt es sich um eine Anthologie mehr oder weniger kurzer Erzählungen, etwa in der Art früherer Kalendergeschichten.

Alle sind sie von einer zauberischen Fantasie, bevölkert von den oftmals vergeblichen, unglücklichen, fremden, so fernen und dennoch so nahen typischen Strauß- Figuren. Absurd in ihrer Tragik, komisch in ihrer Ausweglosigkeit, von feiner Ironie durchzogen durch die grandiose Sprache des Autors. Nie werden die Geschichten zwischen Mann und Frau, Mutter und Tochter, Vater und Kinder, Lehrer und Schülerin, Bergsteiger und Einsiedler, Mörder und Verfolger vollends entschlüsselt. Immer bleibt ein Geheimnis als Rest. Ob beim "Zustimmungsneurotiker" oder dem "Sisyphos der Lüste".

Schon die erste, "Mikado" überschriebene Geschichte, die mit den hier eingangs zitierten Sätzen beginnt, entführt den Leser in die Unerklärlichkeiten eines ganz und gar alltäglichen, durchschnittlichen Daseins. Ob Strauß von der schussligen schönen Mary berichtet, die bei jeder Gelegenheit zwanghaft einen Schwall unanständiger Worte von sich geben muss, oder von dem schmächtigen jungen Mann, der auf dem Münchner Oktoberfest in der Achterbahn den Ich-Erzähler anspricht, ihn später zum Hauptbahnhof begleitet und ihn bittet, sein schmales Gepäck mit in das letzte freie Schließfach stellen zu dürfen. Natürlich ist in diesen kurzen Texten, die mitunter auch reduziert sind auf Lebensweisheiten und weltanschauliche Betrachtungen, immer wieder Botho Strauß selbst erkennbar.

Zum Beispiel, wenn er vom "kaum vorstellbaren Grauen" spricht, das dem Autor die Wiederbegegnung mit seinem Werk bereite. Oder von der "semantischen Balz", mit der sich ein Fluggast die lange Wartezeit auf dem Airport vertreibt, und vom "Chaos der Lust". Oder wenn der alte Landschaftshistoriker fragt: "Ich weiß nicht, weshalb man aus allem immer ein großes Spektakel machen muß?" Nein, das macht Strauß auch nicht.

Spektakulär ist höchstens die Tatsache, dass er sich mit diesem Buch wiederum jeder Mode verschließt. Sein wie ein altes Märchen verfasste Traktat "Der Fremde" ist von jener furchtlosen Moral beseelt, die ihn seit je angreifbar macht. Ein Buch, das man lesen muss. 170 Punkte -das ist der Höchstgewinn beim Mikado- Spiel. Botho Strauß hat sie locker erreicht.

Botho Strauß: "Mikado". Carl Hanser Verlag, München, 173 S.; 17, 90 Euro.

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