Das pure Glück

- Er fordere die deutsche Sprache heraus, überdehne sie, reichere sie an. So heißt es in der Begründung der Jury, die heute Abend, 20 Uhr, im Münchner Literaturhaus zum ersten Mal den mit 6000 Euro dotierten Carl-Amery-Literaturpreis vergeben wird: an den Autor Feridun Zaimoglu, 1964 in der Türkei geboren, in Deutschland aufgewachsen.

Mit der Auszeichnung des Verbandes deutscher Schriftsteller in Bayern (unterstützt vom Luchterhand Verlag und ver.di Bayern) sollen im Gedenken an den Münchner Schriftsteller Amery (1922- 2005) neue ästhetische Wege zeitkritischer Literatur gewürdigt werden.

Was bedeutet es für Sie, der erste Träger des Carl-Amery-Literaturpreises zu sein?

Feridun Zaimoglu: Um es in vier Worten zu sagen: Ich bin sehr glücklich. Wissen Sie, ein Schriftsteller setzt sich in seiner Kammer hin und tippt die Sätze und hofft, dass sie sich zu einem Ganzen fügen mögen . . . Für mich sind zwei Dinge immer das pure Glück: Einmal vor ein Publikum zu treten, deshalb schreibe ich. Und zum anderen dann belohnt zu werden.

Die Jury lobt unter anderem Ihren "poetischen Rap". Wie beschreiben Sie selbst Ihre eigene Sprache?

Zaimoglu: Ich tu‘ mich immer schwer mit der Selbstauslotung. Ich kann nur darauf hinweisen, dass mir in den letzten Jahren eine gewisse Sprachmacht und Sprachpracht zugebilligt wurde, und selbstverständlich gehöre ich zu den eher, ja, Melancholikern der Prosa ­ die Melancholie in der Prosa schlägt sich da auch als Poesie nieder. Wenn mir das gelungen sein sollte, dann freut es mich. Das macht jeder Schriftsteller natürlich unbewusst, aber: Ich träume davon, dass es nicht nur Gebrauchsprosa sei, sondern vielleicht auch eine poetische Verdichtung enthalten sein mag.

In Ihrem neuen Band "Rom intensiv" haben Sie Ihr Jahr 2005 als Stipendiat der Villa Massimo in Rom verarbeitet. Eine Erfahrung von Fremde?

Zaimoglu: Für mich ist Fremdheit kein sinnlicher Begriff. Ich habe mich in diesem, meinem Heimatland mittlerweile, in Deutschland, nach einem kleinen Kulturschock im Anfang eher eingesetzt als ausgesetzt gefühlt. So ist es mir auch in Rom ergangen. Fremd fühlte ich mich da nicht; es waren zuweilen eher desaströse Missverständnisse im Raum, und daraus haben sich wirklich sehr lustige Effekte ergeben.

Ihr Roman "Leyla" war ein ungemein großer Erfolg. Wie gehen sie damit um?

Zaimoglu: Man muss sich Feridun Zaimoglu als einen glücklichen Menschen vorstellen. Mit diesem Buch rauszugehen und die Gunst vor allem der Leser, die Gunst der Literaturkritiker gewonnen zu haben, hat mich entzückt. Erfolg bedeutet für mich ganz konkret, wenn Leserinnen und Leser an mich herantreten und sagen, dass sie mit dem Buch viel anfangen konnten, dass es sie auch glücklich gemacht hat. Das bedeutet viel, aber wenn es darum geht, das nächste Buch anzugehen ­ ich brenne ja die ganze Zeit! ­, dann fängt es noch mal von vorne an. Ein Schriftsteller muss sich mit jedem Buch beweisen. Jetzt sitze ich an einem Liebesroman, "Liebesbrand" wird er heißen, und ich befinde mich wieder in der kalten Hölle, wie jedes Mal in der Zeit der Fertigstellung eines Buches.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
Rupert Grint über die Gangsterserie „Snatch“ und sein Entkommen aus der Gefangenschaft des „Harry Potter“-Universums.
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Eine bessere Sängerbesetzung für diesen neuen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper lässt sich nicht finden - wohl aber ein besserer Regisseur. Die rituellen Bilder …
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
Franz Ferdinand, Feist und Judith Holofernes sind nur drei Acts, die beim diesjährigen „Summer‘s Tale“ auftreten. Unter Musik-Kennern längst bekannt, ist das Festival …
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons reiste von München nach Hamburg und gab sein Debüt in der Elbphilharmonie. Wir haben dieses besondere Gastspiel begleitet. 
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie

Kommentare