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Die Aktivistinnen von Pussy Riot demonstrieren im russischen Winter. 

Interview mit Mascha Alechina vor dem Auftritt in München

Pussy Riot wollen nicht aufgeben

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Sie war im Straflager und gilt als Ikone des Widerstands: Pussy-Riot-Aktivistin Mascha Alechina kommt jetzt in die Münchner Muffathalle. 

München – Ein Gedankenspiel: Sie sind gegen das politische System und leben, sagen wir, in Russland. Was tun Sie? A) Sie arrangieren sich, äußern Kritik nur im privaten Umfeld. B) Sie nehmen an Demonstrationen teil, riskieren Ausgrenzung und mehr. C) Sie stellen sich in einem orthodoxen Gotteshaus vor den Altar und wettern gegen die Herrscher in Kirche und Staat.

Spott im Blick: Mascha Alechina (re.) mit Jekaterina Samuzewitsch (li.) und Nadeschda Tolokonnikowa während des Prozesses 2012.

Womit wir bei der Punkrock-Band Pussy Riot wären. Und ihrem 41-sekündigen „Punk-Gebet“, das die drei Aktivistinnen im Februar 2012 weltweit bekannt machte. Die russische Justiz verurteilte die Frauen nach einem gnadenlosen Verfahren zu Freiheitsentzug. Zwei der drei Bandmitglieder kamen in Lagerhaft, traten in Hungerstreik und wurden erst kurz vor Weihnachten 2013 entlassen.

Damit ins Hier und Jetzt. Denn dieser Tage tourt Mascha Alechina, einst auch in Häftlingskleidung, durch Deutschland. Am Samstag tritt sie mit anderen Künstlern und Aktivisten in der Münchner Muffathalle auf. Singt Punklieder, liest aus ihrem Buch „Tage des Aufstands“, rezitiert das „Punk-Gebet“ von einst. Alles auf Russisch, dankenswerterweise mit deutschen Untertiteln, die an die Wand projiziert werden.

Also ruft man sie an, diese Frau, die für viele Putin-Kritiker längst eine Ikone des Widerstands ist. Alechina, noch immer erst 29 Jahre alt, steckt gerade im Tourbus zwischen Nürnberg und Stuttgart. Plaudern mag sie nicht, kommt gleich zur Sache, eine durch und durch politisierte Frau.

„Wir haben in Russland keine Demokratie“, sagt Alechina auf Englisch ins Telefon. „Die sogenannten Wahlen, die im März stattfinden, können Sie vergessen. Viel wichtiger ist die Straße. Jeder, der auf die Straße geht und protestiert, ist wichtig. Russland ist unser Land, keine Regierung existiert für immer. Putin wird eines Tages sterben.“

Die Botschaft ist eindeutig. Pussy Riot (die deutsche Wikipedia schlägt die Übersetzung „Muschi-Krawall“ vor) haben nicht aufgegeben. Was für eine Frage. „Ob ich die Aktion damals je bereut habe?“, ruft Alechina ins Telefon, Wut in der Stimme. „Warum sollte ich das bereuen? Gefährlicher als das Gefängnis ist doch, seinen eigenen Kopf zum Gefängnis zu machen.“

Ein Mix aus Gesang, Lesung und Aktivismus: Mascha Alechina bei einem Auftritt mit dem „Pussy Riot Theatre“ in Frankfurt.

Welche Rolle Pussy Riot und ihr Protest in der russischen Gesellschaft genau spielen, ist aus der oberbayerischen Distanz schwer zu beurteilen. Auftreten dürfen die Frauen in der Heimat derzeit nicht. Erst im Dezember war Alechina wieder in Arrest. Sie hatte den 100. Geburtstag der Geheimpolizei auf ihre Art gefeiert – mit dem Banner „Herzlichen Glückwunsch, ihr Henker“. Den Mut kann man ihr nicht absprechen. Aber auch die Geschichte von Pussy Riot ist nicht frei von Widersprüchen, Fragwürdigem. Zuletzt sorgte Alechina für Schlagzeilen, als sie ihre Beziehung mit einem ultraorthodoxen Aktivisten verkündete. Dmitri Zorionow predigte lange Gotteshörigkeit und Schwulenhass – für Pussy Riot forderte er Haft. Nun sollen Alechina und Zorionow gemeinsam in der Bibel lesen. Privatsache, klar. Und ein Fest für jeden Küchenpsychologen.

Was ihr Hoffnung macht, fragt man dann noch ins größer werdende Funkloch hinein. Alechina überlegt. Dann sagt sie: „Zum Beispiel die Demos nach dem Kaltstellen von Oppositionspolitiker Alexej Nawalny. Auch wir machen weiter Protest, decken Polizeigewalt auf. Und erinnern die Menschen daran, dass sie aufstehen können.“

München-Gastspiel:

Das „Pussy Riot Theatre“ ist mit „Geschichten von Protest und Widerstand“ am Samstag, 20. Januar, 20.30 Uhr, in der Muffathalle zu Gast; Karten unter 089/ 54 81 81 81.

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