Putzilein, alles wird gut

- "Da müsste von der ersten Geige ein Thema kommen im Stile von: Putzilein, es wird alles wieder gut." Nikolaus Harnoncourt probt, charmant, akribisch, den prachtvollen Sound der Wiener Philharmoniker durchlüftend. Und wir sind dabei - dank einer "Bonus-CD", die RCA zum Komplett-Genuss von Bruckners fünfter Symphonie spendierte. Zu jenem Werk also, das als sperrigste, vertrackteste Symphonie des Linzer Meisters gilt.

Genauso klingt es auch bei Harnoncourt. Die Fünfte führt er als unbehauenen Koloss vor. Als ob hier jemand seine Verzweiflung herausschreit, so bäumt sich die Musik auf. Harnoncourt türmt keine triumphalen Kathedralen, verdeutlicht dafür das Widersprüchliche, Wilde, Ungezähmte der Partitur. Oft brutal dröhnt es aus den Lautsprechern, dann wieder mit drucklos federnden Phrasen und - im dritten Satz - überdeutlich die Ländler-Thematik formulierend: Kein Zweifel, da dirigiert ein Landsmann des Meisters. Bestechend das Fugen-Finale, in dem Harnoncourt jeden Motivverlauf genau artikulieren lässt - und die Philharmoniker, seit ewigen Zeiten mit dem Werk vertraut, die Fünfte hörbar neu erleben.<BR><BR>Ebenfalls aus der Alten Musik kommt ein Kollege Harnoncourts, den Münchens Musikfreunde nur mit Händel, Mozart und Monteverdi in Verbindung bringen. Dabei würde er zu gern, wie er dieser Zeitung verriet, Deutsch-Romantisches dirigieren. Jetzt ist's passiert: Nach einer überlangen Probenzeit und einer Konzertserie legt Ivor Bolton seine Deutung von Bruckners Fünfter mit dem Salzburger Mozarteum Orchester vor.<BR><BR>Der Marathon hat sich gelohnt. Bruckners Vorschriften werden penibel umgesetzt, kaum je agiert ein Orchester mit solcher Präzision und wohleinstudierter Flexibilität. Als ob er nie anderes dirigiert habe, erspürt Bolton Spannungsverläufe und musikalische Charaktere. Die Tempo-Relationen sind etwas sprunghaft: Choräle werden zelebriert, nur wenig später lässt Bolton die Musiker Höhepunkte geradezu stürmen. Doch der Furor, der immer wieder abgebremst wird, als ob die Musik vor sich selbst erschrickt, ist verführerisch, zumal sich alles in einem hochauflösenden Klangbild abspielt. Bolton und Bruckner - die vielleicht größte und angenehmste CD-Überraschung der letzten Zeit.<P>Anton Bruckner: Symphonie Nr. 5. Wiener Philharmoniker, Nikolaus Harnoncourt (RCA); Mozarteum Orchester, Ivor Bolton (Oehms).<BR></P>

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