Putzkolonne fürs Hirn

- Traumschrill und manchmal abgründig präsentiert sich der fünfte Teil der Ausstellungsserie "Imagination Becomes Reality" in der Münchner Sammlung Goetz: "Fantasie und Fiktion". Ingvild Goetz untersucht darin mit Verve und Leidenschaft für die aktuelle Kunst, wie diese sich selbst beziehungsweise das Medium Bild versteht.

Nachdem unser (Unter-) Bewusstsein einem bildlichen Dauerbeschuss -wie auch dem klanglichen -ausgesetzt ist, übernehmen die Künstler die Funktion einer visuellen und intellektuellen Putzkolonne für unser Hirn. Verschrobenes Filmmusical Wilhelm Sasnal nimmt das ganz wörtlich. In mehreren, verschieden großen Schwarzweiß-Gemälden bezieht er sich auf Fotos von Enrique Mentinides: Ein Toter liegt vor einem Pfahl, von dem eine Zündschnur aufblitzend herabhängt. Die Malerei tilgt den Leichnam, das Sensationelle. Auf der ruhigen, dunklen Fläche ist nur noch die Helligkeit der Schnur samt Balken wiederzuerkennen.

Sasnals stille, manchmal schrullige Interventionen ziehen sich durch die gesamte Schau, wie auch alle anderen immer dialogisch inszeniert sind. Da begegnen sich zum Beispiel Laurie Simmons’ zuckrig rosafarbene Geburtstagstorte, die auf Plastikpüppchen- Beinen marschiert, und Dana Schultz’ buntes Hirngekröse, hinter dem sich ein Paar kintoppmäßig küsst. Überhaupt sind es vielfach die populären Bildstereotypen, die die Künstler durch ihre Mangel drehen. Simmons hat sogar ein sentimental-verschrobenes Filmmusical mit Glenn Close gedreht, in dem diese kindgroße Automaten-Puppen- Männer anschmachtet.

Stereotypen gibt es aber auch für Räume aller Art: Palazzo, geheimnisvolle Gewölbe, Museum, Wohnung. Magnus Plessen formt sie aus seinen Malstreifen, die sich wie Klebefolie über die Leinwand ziehen. James Casebere taucht sie (fotografierte Modelle) in eine rätselhafte Aura und flutet sie des Öfteren. Matthias Weischer verwandelt ein fades Trottoire in Fantasmagorie, in der Objekte wie Gespenster auftauchen. Man glaubt, sie müssten jeden Augenblick wieder verschwinden. Zilla Leutenegger spielt ebenfalls mit einer entgleitenden Wirklichkeit -oder einer nie existenten.

Mit Linien an den Wänden skizziert sie eine ganze Wohnung von der Küche bis zum Bad, wo "real" geduscht wird; Zeichentrickfilme beleben die Zimmer. Alle Arbeiten, egal ob kleine Kreide-Blätter oder große Installationen, signalisieren dem Betrachter aber stets: Beachte meine speziel le Machart -besonders interessant Plessners Technik. Bei Barnaby Hoskins wird das zur eleganten Schau. Ein Spiegel -und ein fast komplett weißes Bild -und eins aus schwarzem Samt. Auf dem läuft ein Video, wie der Künstler im Schnee das weiße Bild malt.

23.10.06-20.1.07,

Mo.-Fr. 14-18 Uhr, Sa. 11-14 Uhr,

Oberföhringer Str. 103,

Tel. 089/ 95 93 96 90.

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