Die Quadratur des Kreises

- Mahler ist ein verführerischer Komponist. Vor allem für Dirigenten, die sich nicht satthören können an den Details, Effekten und Emotionen - und dann diese Begeisterung ungefiltert ans Publikum weitergeben. Was natürlich Wirkung zeigt. Aber wie es auch anders, eindrücklicher funktioniert, das demonstrierte Bernard Haitink beim Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks mit der vierten Symphonie (Gasteig).

Frappierend war die Detailgenauigkeit Haitinks, der das Stück klanglich aufblätterte, sodass sich Feinheiten auch ohne Partitur-Lektüre mitteilten. Bei aller Pointierungslust wahrte er mit dem wachsweich folgenden Orchester aber Contenance. Haitink schaffte bei dieser außerordentlichen Wiedergabe die Quadratur des Kreises: Humor ohne Grellheiten, tief empfundenes Melos ohne Weinerlichkeit, Finessenreichtum ohne Zersplitterung.

Ermöglicht wurde dies auch durch zurückgenommene Tempi. Besonders das "Bedächtig" des Kopfsatzes nahm Haitink wörtlich, wodurch indes das Metrum nicht gleich einrastete - einziger Schönheitsfehler einer Interpretation, die von der großen, auch sehr berührenden Mahler-Kompetenz dieses uneitlen Dirigenten kündete.

Am schönsten gelang der dritte Satz, den Haitink als eine gleichsam wortlose Tragödie gestaltete, der Musik dennoch etwas Schwebendes, Ungreifbares gab. Das Finale wurde dominiert von Juliane Banse. Mit der schlanken Instrumentalbegleitung kam sie besser zurecht als vor der Pause mit den "Sieben frühen Liedern" Alban Bergs. Was ihren Gesang so einzigartig macht, ist die Verbindung von Klangbewusstsein und gestalterischer Klugheit - diese genau dosierte Intensität, mit der Text in geschmeidige Kantabilität umgesetzt wird. "Die Nachtigall", die Vertonung eines Theodor-Storm-Gedichts, bekam da gleich eine doppelsinnige Bedeutung.

Nur ist das alles "dank" Bergs dicker Orchestrierung wohl nicht bis zur letzten Reihe vorgedrungen. Zumal auch Haitink das Ensemble etwas zu laut spielen ließ, obwohl man sich doch gerade an den Eruptionen von Anton Weberns "Passacaglia" ausgetobt hatte. Auch dies eine ausbalancierte, geschmackvoll konturierte Deutung, die das Publikum hörbar beeindruckte. Hier wie am Ende heftiger Applaus, dieser große Abend dürfte lange nachwirken.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Gergiev und die Münchner Philharmoniker: Warum Bruckner?
Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker setzen ihren Bruckner-Zyklus mit der Achten fort. Eine Enttäuschung.
Gergiev und die Münchner Philharmoniker: Warum Bruckner?
Christine Nöstlinger ist gestorben
Die österreichische Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Dies bestätigte am Freitag der Residenz-Verlag in Wien. 
Christine Nöstlinger ist gestorben
Lebensprojekt München: Mariss Jansons bleibt bis 2024
Das ist auch eine kulturpolitische Entscheidung mit Blick auf den Konzertsaal: Mariss Jansons bleibt seinem Orchester ungewöhnlich lang erhalten.
Lebensprojekt München: Mariss Jansons bleibt bis 2024

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.