Quadratur des Kreises - Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker begeisterten mit Wagners "Walküre"

Salzburg - Nur einmal stand das Stück bisher auf dem Spielplan - und leistete zugleich Geburtshilfe. 1967 startete Herbert von Karajan mit den Salzburger Osterfestspielen sein Selbstverwirklichungsspektakel, dirigierte und inszenierte Wagners "Walküre".

41 Jahre mit großer Kontinuität: Die Berliner Philharmoniker sorgen für symphonischen Opernsound, am Pult steht meist der Chef, das hauptsächlich deutsch-italienische Publikum ist ein ideales Anschauungsobjekt à la Marx' "Kapital". Und auf der Bühne gibt's Gediegenes: Oper, das ist Salzburgs Oster-Credo, muss sein wie die Nockerln. Sättigend - und mit einem Luftgehalt von geschätzten 80 Prozent.

Problematisch ist nur, dass man seit 2007 und in Kooperation mit Aix-en-Provence am "Ring", also am inhaltsprallsten Werk der Opernhistorie bastelt. Was Regisseur und Bühnenbildner Stéphane Braunschweig indes, wie schon im "Rheingold", wenig anficht. Kaum einmal gestattet er sich auch in der "Walküren"-Premiere Hinterfragen, surft dafür lieber auf der keimfreien Oberfläche seiner schmucklosen Ästhetik.

Im weißen Einheitsraum existiert die ungeordnete Natur nur als Berg- Wasser- oder Feuervideo. Viel mehr als einen Tisch plus drei Barockstühle, auf denen Brünnhilde gebettet wird, durfte die Requisite nicht anfertigen. Und ein unerreichbares Fenster, im letzten Akt auch eine offenstehende Tür am Ende einer gewaltigen Treppe künden von (zu) fernen Verheißungen.

Braunschweigs Gegenentwurf zur üblichen Zeichenfülle, quasi die Vernüchterung von Wagners Weltentwurf, wäre an sich verführerisch. Doch in den besten Momenten funktioniert seine Regie nur als Kammerspiel für die ersten sieben Reihen. Ansonsten erschöpft sie sich in Stereotypen, die nicht mehr als ein Schulterzucken provozieren. Es sei denn, man hält die Ohren weit offen. Nach einem gesichtslosen ersten Akt wird deutlich, worauf Simon Rattle hinauswill: Die Berliner Philharmoniker liefern zwar Höhepunkte mit satter Dramatik. Aber gleichzeitig entwickeln sie eine enorme Schnellkraft, auch ein lichtes, trennscharfes Klangbild. Und irgendwann wird klar, dass man hier der Quadratur des Kreises nahe ist.

Die "Todverkündigung" zum Beispiel erstaunt durch ihre Filigranarbeit - und wird doch als ein großbogiger Entwicklungsraum erlebbar. Rattle, der sich bei Mahler-Symphonien gern im Detail verliert, gelingt hier eine Dramaturgie des Gleichzeitigen, die dennoch zwingend und zielgerichtet ist. Ein aufregendes Hörerlebnis, das Bedenken vom angeblich verlorenen "deutschen Klang" bei den Berlinern als das entpuppt, was es ist: als Gefasel.

Natürlich kommt Rattles Temperament das Wagner'sche Furioso entgegen. So keimt im zentralen Wotan-Monolog kaum Larmoyanz auf. Rattle schildert das Stück ohnehin nicht als menschelnde Tragödie eines Zwillingspaares oder einer bestraften Gottestochter. Seine Deutung rückt Wotan in den Mittelpunkt. Hörbar werden der Trotz, auch existenzielle Wut und Verbissenheit. Ansatzlos auffahrende Verzweiflungsgesten, fast knallige Akzente durchziehen die Interpretation, die im Finale des dritten Akts eine fast triumphale Überhöhung erfährt.

Noch im zweiten Akt hätte man Willard White (Wotan) dieses Finale nicht zugetraut. Die Stimme klingt zunächst hohl, manchmal ausgesungen. Auch vom Leben gezeichnet - was für Wotan ja nicht das Unpassendste ist. Bis er sich dann im dritten Akt herrisch Raum verschafft und Attacke selbst in solchen Passagen zeigt, wo andere tricksen. Hinzu kommt eine imponierende Präsenz, die Braunschweigs Nicht-Regie (und Whites kleine Textschwächen) vergessen macht.

Bis auf die grandiose, vokal üppige Eva-Maria Westbroek (Sieglinde) und der passend dunkel timbrierte Mikhail Petrenko (Hunding) sind die übrigen Solisten ein Kompromiss. Robert Gambill (Siegmund) liefert Samt statt Stahl, meist aber nur unkonturierte Blässe, Lilli Paasikivi erscheint als Fricka etwas zu leicht besetzt. Und Eva Johansson könnte über eine gute Brünnhilden-Stimme verfügen - wenn sie diese nicht so unausgeglichen und übersteuert führen würde.

Eher gesittete Ovationen, vor allem für Rattle und die Philharmoniker, Braunschweig musste sich heftigen Buhs stellen. Vielleicht ist sogar Salzburgs Ostergästen klar geworden, was ihnen die nächsten Jahre mit dem "Ring"-Rest noch droht.

Weitere Vorstellung:

24. März.

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