Quälendes Gespräch

- Eine Frau verlässt ihren Mann und zwei kleine Kinder, um Aufseherin in einem Konzentrationslager zu werden. Über 50 Jahre später wird die Tochter diese Frau in einem Altersheim besuchen und versuchen zu verstehen, wer ihre Mutter ist. Mit ihrem Roman "Lass mich gehen" hat die heute in Italien lebende Publizistin Helga Schneider ein erschütterndes Dokument einer schier unglaublichen Mutter-Tochter-Beziehung vorgelegt.

<P>1941 packte Traudi Schneider die Koffer, forderte ihre vierjährige Tochter barsch auf, ja nicht zu weinen, um den kleinen Bruder nicht zu wecken, und verließ die Berliner Wohnung der Familie. Sie kehrte nie wieder zurück. Während für die kleine Helga eine albtraumhafte Kindheit zwischen gehasster Stiefmutter, Erziehungsheim und wechselnden Internaten begann, machte die Mutter Karriere bei der SS, als Aufseherin in den Konzentrationslagern Sachsenhausen, Ravensbrück und schließlich Auschwitz-Birkenau.<BR><BR>Ein Leben lang versucht die Tochter, sich von dieser quasi nicht existierenden Mutter zu befreien. Nach 30 Jahren kommt es zwar zu einer kurzen Begegnung, welche allerdings so unerfreulich verläuft - die Mutter ignoriert ihren Enkelsohn und bietet der Tochter eine Menge offenkundig einst jüdischen Schmucks an -, dass Helga Schneider in der Folge sogar ihre Muttersprache ablegt.<BR><BR>In dem auf Italienisch geschriebenen und jetzt in deutscher Übersetzung erschienenen Buch schildert sie die zweite Begegnung mit ihrer Mutter in einem Wiener Altersheim 1998. Eine letzte Freundin Traudi Schneiders hatte die Tochter ausfindig gemacht und gebeten, die alte und einsame Dame doch noch einmal zu besuchen. Sie trifft auf eine zwar gebrechliche, scheinbar verwirrte, in ihrem Erinnerungsvermögen aber doch noch glasklare Frau. Was nun beginnt, ist ein unendlich quälendes Gespräch, in dem die Tochter noch einmal hören will, was sie aus entsprechenden Dossiers schon längst weiß: die unvorstellbaren Grausamkeiten, die ihre Mutter nicht nur als Aufseherin, sondern auch als Assistentin jener Ärzte vollzog, die mit Menschen experimentierten.<BR><BR>Wo die Erinnerung der Mutter versagt, fügt Schneider die Fakten aus Eugen Kogons "Der SS-Staat" ein. Wie von einem "inneren Dämon getrieben" bringt sie aber auch die alte Frau dazu, immer mehr Details aus den Operationssälen, Gaskammern und Krematorien zu erzählen, und geht damit auch für den Leser an die Grenze des Erträglichen. </P><P>Doch obgleich Traudi Schneider auch am Ende ihres Lebens keine Reue zeigt, schafft es die Tochter nicht, diese Frau, ihre Mutter, zu hassen. "Ich kann sie nur nicht lieben", und das bleibt schmerzhaft genug. Das Trauma, Kind einer Täterin zu sein, wird offenkundig. Der Versuch sich zu befreien, ist vergeblich. Für den Leser bleibt die immer wieder erschütternde Erkenntnis, zu welchen Brutalitäten Menschen fähig sind, ohne diese jemals zu verstehen.</P><P>Helga Schneider: "Lass mich gehen". <BR>Aus dem Italienischen von Claudia Schmitt. <BR>Piper Verlag, München. <BR>175 Seiten, 15,90 Euro.<BR><BR></P>

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