Der Qual ein Gesicht geben

- Zusammengesackt ist der hohlwangige Mann in gestreifter Gefangenenkleidung. Kein Begriff kann den Schmerz in den Augen, das Leid, das Ausgeliefertsein beschreiben. Die Macht des Bildes trifft das Herz. Wenn man dann aber liest, dass dieser Mensch ein Opfer so genannter medizinischer Versuche für die Luftwaffe war, wird durch die Verschmelzung von Bild und Wort die Seele getroffen. Das Unbegreifliche, das, was unsere Seele gar nicht begreifen möchte, hat sie gestreift. Das ist das Beste, was eine Ausstellungen leisten kann, die das Grauen von Konzentrationslagern fassen will. Am Freitag wird in der KZ-Gedenkstätte Dachau (Leiterin Barbara Distel) der zweite Teil der neuen Exposition "Der Weg der Häftlinge" eröffnet. Vor einem Jahr wurde der erste Teil fertig gestellt, der nach einer Einführung den Zeitraum von 1933 bis 1942 umfasst und den Alltag der Opfer von der Verhaftung bis zum Tod in sieben Abteilungen schildert.

Anschließend wird bis Abteilung 13 der Wandel des KZ Dachau beschrieben bis zur Befreiung am 29. April 1945, der Nachkriegszeit mit Nazi-Prozess, Flüchtlingslager und dem Willen, eine Gedenkstätte (ab 1965) einzurichten. Die beiden Todes-Linien durch die Stationen geben eingangs die vergrößerten Fotos vor: das Mediziner-Opfer, ein im Bau befindliches Gebäude (riesiger Bunker), Leichen. Arbeitssklaven und Menschen für Versuche wurden vom KZ und der daran hängenden Industrie gebraucht. So war jener 29. April kein reiner Glückstag, mussten die Amerikaner doch viele, viele Tote begraben. Gerade in den letzten Monaten starben 10 000 Häftlinge an Typhus und nochmals Tausende bei den Evakuierungsmärschen.

Überzeugend wie auch schon im ersten Museumsteil die zurückhaltende, aber durchaus elegante optische Präsentation (Peter Wentzler und Team) und die in der Kürze trotzdem differenzierten Informationen: Projektleitung Ludwig Eiber vom Haus der Bayerischen Geschichte in Zusammenarbeit mit dem Comité´ International de Dachau, Distel und der Landeszentrale für Politische Bildungsarbeit. Ausgewogen zeigt sich auch das Verhältnis von einigen wenigen "echten" Objekten, fotografisch reproduzierten Papieren (die anrührenden Zeichnungen etwa), Grafiken, Karten und reinen Info-Texten. Das Bedeutendste an der Gesamtschau aber ist die intensive Hinwendung zum Einzelnen. Die Opfer haben Namen und Gesichter, Lebensweg und Schicksal. Menschenwürde. Was die Nazis ihnen nehmen wollten, ihren Wert als einmaliges Individuum, verteidigt die Ausstellung - auch gegen das Vergessen.

Funktionierte das KZ Dachau - das erste KZ überhaupt - nach der Machtergreifung zunächst als Terrorinstrument gegen Regimegegner, wurde es in den Jahren danach mehr und mehr zum Industriebetrieb. Das Modell des riesigen Geländes verdeutlicht das. Im Kriegsverlauf benötigten insbesondere die Rüstungsfirmen (etwa BMW oder Messerschmitt) mehr "Menschenmaterial". Häftlinge aus allen möglichen Ländern kamen, selbst aus Auschwitz wurden Juden zurückverfrachtet, damit das KZ Dachau die Außenlager und -kommandos bedienen konnte. Dazu gehörten Kaufering und Mühldorf, die so schlimm waren, dass sie meist das Todesurteil für die Betroffenen bedeuteten. Ob diese Qual, ob die bei den "medizinischen" Versuchen (Druckabfall, Unterkühlung, Malaria, Infektionen, Medikamente) - dazu gibt es die schrecklichsten und erschütterndsten Fotografien -, ob die der "Unbrauchbaren", die man in Sterbelager schickte, das KZ Dachau war zur Verteilerstation des Grauens geworden.

Umso peinlicher jetzt das Verhalten der Stadt Dachau, die sich seit über einem Jahr der Bitte verweigert, das "Jourhaus" mit dem "Arbeit macht frei"-Tor - hier begann der Weg der Häftlinge - als Besuchereingang zu installieren.

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