Qual des Kriegs auf winzigen Fetzen

- Es waren kleine Zeichnungen auf zerknittertem Pergament, die Ernst Weiers (1935-1978) von der Front in Polen in die Bernrieder Heimat schickte: zerstörte Städte, in denen nur noch abgemagerte Hunde herumlungern, gespenstische Geier vor Ruinen, Friedhöfe. Hätten die Befehlshaber des "Dritten Reiches" diese Dokumente des Leids und Mitleids gesehen, hätte Weiers diese Jahre sicher nicht überlebt. Nach seiner Rückkehr aus der sibirischen Kriegsgefangenschaft 1949 holte der Maler die Blätter aus dem Versteck im Dachboden und bügelte sie auf.

<P>Obwohl sich ab 1950 die Münchner Galerie Francke des Künstlers annahm, lagerten Entdeckungen noch bei der Familie am Starnberger See. Sie sind in der Galerie Marschall in Bernried zu sehen: Neben den Kriegsdokumenten ist dort auch der Werdegang in Richtung Abstraktion zu verfolgen.</P><P>Vergessene Künstler</P><P>Zum Konzept der ein Jahr bestehenden Galerie gehört es, die vergessenen Künstler der Kriegsjahre auszustellen. Mit Weiers wurde eine mutiger Zeuge gefunden, der nun dahin zurückkehrt, wo er 40 Jahre lang gelebt hat. Der Westfale war Schüler von Paul Klee, Heinrich Campendonk und dem Glasmaler Thorn-Prikker. Ab 1936 erhielt er Malverbot. In dieser Zeit ist den Bildern schon das drohende Unheil anzumerken: Drei Vogelscheuchen ragen als Interpretation von Hitler, Goebbels und Göring aus dem Feld heraus. </P><P>Ein Ballon schwebt in einer anderen Radierung, scheinbar harmlos, über einem versumpften, schaurigen (Deutsch-)Land. Düstere Nachtvögel und eine Henkerbaum markieren die Stimmung. 1939 musste Weiers den Polenfeldzug mitmachen: Neben den Kriegsszenarien zeichnete er auch die Umgebung Radzyns und notierte, mit welcher Farbe er später die Werke vollenden will. Fünf Jahre war der Künstler an der Front. </P><P>Erschossene, Trümmer, wüste Landschaft zeigen einen Soldaten, der sich den Folgen der blinden Zerstörungswut sehr bewusst war. Das Leid und die Armut der russischen Bauern sind auf den Grafiken zu sehen. Während der vierjährigen Kriegsgefangenschaft benutzte Weiers kleinste Papierfetzen und abgebrannte Streichhölzer, um Skizzen und Porträts zu fertigen.<BR>Als Weiers nach Bernried zurückgekehrt war, beherrschten teils albtraumhafte Wesen seine Arbeiten. Er hat sich aber, stilistisch und inhaltlich ganz im Sinne Marcs, abgekehrt von menschlichen Übeltätern. In seiner Lithografie-Werkstatt entwickelte er Tierstudien, die eine Verschränkung aus Kubismus, Expressionismus und Orphismus, aus Betonung der Geometrie und schattierter Transparenz sind. </P><P>Von Klee bis zum befreundeten Fritz Winter sind hier Einflüsse bei den musizierenden Käfern oder Schwänen im Schilfgeäst zu spüren. 1977 entsteht eine letzte Serie entrückter Ölbilder. Den nahen Tod vor Augen, malt Weiers weite Horizonte vor einer morbiden Seenlandschaft, die eine Quintessenz zu sein scheinen: ein Funken Hoffung inmitten des Untergangs. </P><P>Bis 21. 11., Dorfstr. 20, Tel. 08158/ 99 79 17. </P>

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