Die Qual im Zentrum des Lebens

- "Un Re" steht versetzt positioniert auf dem Buchumschlag. "Unglaubwürdige Reisen" nennt Ilse Aichinger, 1921 in Wien geboren, ihr Buch, das in kleinen, aber staunenswert schön-eigenartigen Episoden das alte Symbol "Lebensreise" aufgreift. Die Dichterin macht daraus keine großmächtig aufgeplusterte Kunst-Angelegenheit, sie verdichtet stattdessen. Aber auch da nichts Dickes, Fülliges, sondern Kleines, Schmales, die in ihrer Sprache noch kompakter werden - wie Schwarze Löcher.

Aichingers "Notizen" - im Schreibheft festgehalten oder auf Hotelpapier oder auf dem übrig gebliebenen Kartonrücken eines Blocks - sind eine solch extrem dichte Materie. Sie enthält ein 80-jähriges Sein mit all dem Schmerz, mit Liebe und Arbeit, enthält die wundervolle Weisheit einer Künstlerin, die niemandem mehr etwas beweisen muss, die in ihrer Sprache atmet, - und sie enthält die Schwärze des Bösen, die Menschenvernichtung unserer Zeit von den NS-Konzentrationslagern bis zum 11. September 2001; und letztlich besitzt sie die gnadenlose Anziehungskraft des Nichts, des Todes. Die Texte der "Unglaubwürdigen Reisen" zielen auf ihn, die der "Schattenspiele" umtänzeln ihn, das "profil"-Interview (2003) sehnt ihn unverhohlen herbei - ein erschütternder Schluss, "weil das Sterben eine so irrsinnige Verlassenheit von Gott und allem ist".

Ilse Aichingers Biografie-Mosaik, dessen feste Größe die irrwitzige Kombination ist, beginnt mit "Eine Zigarre mit Churchill" und da sogleich mit der völligen Relativierung unserer platten Reise-Euphorie: "Wenn einer eine Reise tut, so kann er nichts erzählen: Das fiel mir schon ziemlich früh auf." Nur diese Autorin schafft es, mit ein paar Saltos - die einem aber ganz und gar natürlich vorkommen - von da bei Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett, also in London zu landen, beim legendären Premierminister und eben bei Hitler im "Chamber of Horror". Obendrein erfahren wir Reiseführer-Wissenswertes.

Fast jeder Text - geschrieben für den "Standard" von Ende 2001 bis 2004 - verweist auf die Qual im Zentrum von Aichingers Leben: die Ermordung der Juden. London, das ist die Stadt der Zwillingsschwester. Sie konnte sich mit einem Kindertransport dorthin retten. Das ist die Stadt der Tante, die für die Mutter, Ilses Großmutter also, schon Kleider gekauft hatte. Niemand hat sie je getragen. Die alte Frau war den Verbrechern nicht entkommen. Ilse und ihre Mutter, eine der ersten Frauen, die in Wien Medizin studiert hatten, überlebten. Den Irrwitz und das Unglaubwürdige umkreist Aichinger immer: egal ob sie sich an die verrückten Buchkäufe des Vaters erinnert, an das geisteskranke Kindermädchen, ob sie über Pippi Langstrumpf fantasiert oder sich von Otto Sander ans Meer versetzen lässt, ob sie vom "armen Thomas" Bernhard erzählt oder Elfriede Jelineks Nobelpreis analysiert. Und nach der "Un Re"-Lese-Reise ist uns klar: Irrwitz und Unglaubwürdigkeiten sind so was von normal und alltäglich.

Ilse Aichinger: "Unglaubwürdige Reisen". S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M., 187 Seiten; 17,90 Euro.

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