Qualität pur

- Eine Terpsichore-Gala, wie man sie sich träumt. Vier Stunden kamen ganz ohne Virtuoso-Zwirbelei aus, boten tänzerische Hochspannung und choreographische Qualität pur. Zum 100. Geburtstag von George Balanchine durfte man in den fünf getanzten Balanchines beglückt erschauern bei der musikalischen Meisterschaft, dem Tanzgenie dieses Künstlers. Nur so gebührt es dem Nationaltheater, einer der größten, der schönsten Opernbühnen schlechthin.

<P>Geste eines Gottes<BR><BR>An diesem Abend, flexibel begleitet vom Staatsorchester unter Myron Romanul, leuchtete die Fata Morgana auf, dass München auch ohne die Jahrhunderte alte (Schul-)Tradition eines Kirow-, Bolschoi-, Londoner Royal oder Pariser Balletts in ein paar Jahren auf dieses Niveau hochtanzen könnte. Die Basis dafür hat ja Staatsballett-Gründerin Konstanze Vernon mit ihrer Heinz-Bosl-Ausbildungsstätte geschaffen. Dass ihre Studenten ganz zauberhaft und professionell "Serenade" tanzten, dieses von Balanchine 1934 für seine Studenten kreierte Tschaikowsky-Ballett, schien wie ein beschwörender Symbolakt. </P><P>Weitere Balanchine-Juwelen: das "Brahms-Schönberg Quartett" (1966). Choreographie, geboren aus einer zärtlichen Affäre von Musik und Mathematik des Raums - zur hellen Flamme entbrannt im zweiten Satz mit Königsgazelle Lucia Lacarra und Traumpartner Roman Lazik, zum rasenden Zigeuner-Rondo im vierten Satz. Darin ergaben der zottelmähnige "Zingaro" Ilya Kuznetzow vom St. Petersburger Kirow und Maria Kowroski, ein Wundergeschöpf aus dem von Balanchine in den 40er-Jahren gegründeten New York City Ballet, einen interessanten Stil-Clash.<BR><BR>Kowroski nochmals als Muse Terpsichore in "Apollo". Auch wenn Sherelle Charge (Calliope) und die vom Monte Carlo Ballett angereiste Ex-Münchnerin Kusha Alexi (Polyhymnia) gute Figur machten, gebannt war man von Kowroskis irisierend spezieller Ausstrahlung, eine Aura, wie sie eben nur der Anspruch, der künstlerische Geist einer Elite-Compagnie hervorbringt. Hypnotisiert war man von Kirow-Star Igor Zelensky. Rein in der Pose, nur in der zeigenden Geste sprechen Wille und Gebot eines Gottes - Zelenskys Apoll eröffnet einem sogar mit einem Lidschlag den ganzen Griechen-Himmel. Und diese Gala die Bandbreite Balanchines zwischen seier Bildhauer-Kunst in "Agon" (1957) und seiner Lust an Folklore-Farbigkeit in "Tarantella" (1964).<BR><BR>Hier brillierten Ambra Vallo und Chi Cao vom Birmingham Royal Ballet, in "Agon" Benjamin Pech (Paris) und Lucia Lacarra mit der schon surrealen Plastizität ihres Körpers. Mit ihr hat das Staatsballett eine Welt-Ballerina. Aber auch die Männer legen mächtig zu: Alen Bottaini, Alexandre Vacheron und Lukas Slavicki, mit Witz-Flitz-Tempo in dieser Münchner Premiere von Hans van Manens "Solo" (zu Bach-Musiken), konnten in Ovationen baden. Zum Schluss William Forsythes "The second detail", vom Staatsensemble so brillant-lässig hingeblättert, dass man sich auf Forsythes "Limb's Theorem" im Dezember freuen kann.</P>

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