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Im Glockenturm: Quasimodo (David Jakobs).

„Der Glöckner von Notre Dame“ im Deutschen Theater

Quasimodo läutet in München die Glocken

Lange haben die Münchner Musicalfans auf diese Premiere gewartet: „Der Glöckner von Notre Dame“ im Deutschen Theater ist kitschfrei und berührend. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik: 

München Ja, so etwas gibt es tatsächlich noch. Da hat man sich fast schon an die von Jahr zu Jahr vor allem im Orchestergraben kontinuierlich abgespeckten Tournee-Musicals gewöhnt, und dann kommt mit dem „Glöckner von Notre Dame“ auf einmal eine Produktion um die Ecke, die beinahe alles in den Schatten stellt, was in der jüngeren Vergangenheit über die Bühne des Deutschen Theaters ging. Hat man sich diesmal doch vor allem in musikalischer Hinsicht nicht lumpen lassen, um eine der besten Partituren von Broadway-Veteran Alan Menken in angemessenem Sound erstrahlen zu lassen. 15 Musiker und ein 24 Kehlen starker Extrachor, die dem spielfreudigen Ensemble zur Seite stehen, sorgen hier mehr als einmal im Laufe des Abends für echte Gänsehautstimmung und dafür, dass man nach knapp drei Stunden rundum beglückt in die Nacht hinausgeht. Selbst, wenn man vorher womöglich doch angesichts der tragischen Geschichte von Victor Hugo die eine oder andere Träne verdrückt hat. Denn es ist eine erfreulich undisneyhafte Disney-Produktion, die sich frei von jedem Hollywoodkitsch präsentiert und in den stärksten Momenten mit ihrer Ehrlichkeit und Tiefe wahrhaft berührt.

Schauwerte, aber kein Technik-Overkill

Natürlich hat man auch hier nicht an Schauwerten gespart. Nur müssen sich diese eben nicht zwangsläufig immer im reinen Technik-Overkill manifestieren. Das detailverliebte Bühnenbild von Alexander Dodge ist ein ebenso einfach gehaltener wie eindrucksvoller Einheitsraum, der abgesehen von den Szenen im Glockenturm mit wenigen Versatzstücken auskommt, um die einzelnen Schauplätze zu markieren. Unterstützt wird dieses Konzept von Howell Binkleys atmosphärischem Lichtdesign, das neben einzelnen großen Effekten eher mit subtilen Nuancen arbeitet. Auch Regisseur Scott Schwartz lenkt den Fokus auf seine vor allem bei den offenen Verwandlungen auf den Punkt genau agierenden Darsteller und inszeniert das Stück ganz im Geiste des „Armen Theaters“ als eine Art mittelalterliches Jahrmarktspiel.

Bereits bei ihrem Tamburin-Tanz liegen Esmeralda (Sarah Bowden) alle Männer zu Füßen.

Alles beginnt mit einer anonymen Masse in grauen Kutten, aus der sich erst langsam die Protagonisten herauslösen. Aber auch danach bleiben Chor und Ensemble stets präsent und mischen sich als kommentierende Instanz ins Geschehen, während sich eine Reihe von Charakterköpfen nach blitzschnellem Kostümwechsel in kleinen, aber deshalb minder präzise umrissenen Nebenrollen profiliert.

Selbst wenn einem die Illusion des Theaters so immer wieder vor Augen geführt wird, mangelt es dennoch nicht an Identifikationspotenzial auf der Bühne. Besonders David Jakobs, der sich mit umgeschnalltem Buckel und einigen schwarzen Make-up-Strichen im Gesicht vor den Augen des Publikums in Quasimodo verwandelt, hat die Zuschauer zu jeder Zeit auf seiner Seite. Als Ausgestoßener, der durch die Gutherzigkeit Esmeraldas zum ersten Mal in seinem Leben echte Zuneigung erlebt und seine Gefühle danach erst einmal neu ordnen muss. Anfangs noch überwiegend für die heiteren Momente der Inszenierung verantwortlich, lässt er dabei nicht nur Esmeralda, sondern auch das Publikum immer mehr von seinem weichen Kern spüren.

Sarah Bowden beeindruckt als Esmeralda

Wobei  es sicher kein Nachteil ist, dass Jakobs mit kraftvoller Stimme einige der besten Songs  des  Abends interpretieren darf. Mehr als Paroli bieten kann ihm in vokaler Hinsicht Felix Martin, der lustvoll seine Rolle als Vorzeige-Bösewicht Frollo auskostet, gleichzeitig jedoch das Kunststück vollbringt, dem in seiner Doppelmoral gefangenen Erzdiakon und Ziehvater Quasimodos auch so etwas wie eine menschliche Seite zu geben. Und das will durchaus etwas heißen bei einer Figur, die sich gleich zu Beginn mit einer flammenden Hassrede gegen alles, was fremd und anders ist, vorstellt. Zudem lässt Frollo die christlichen Tugenden schnell über Bord gehen, wenn sie seinen Zielen im Weg stehen. Mehr Rückgrat hat da schon Hauptmann Phoebus, der in der schneidigen Gestalt von Maximilian Mann zum Rivalen Quasimodos wird und ebenfalls dem Charme Esmeraldas erliegt.

Sarah Bowden wickelt in dieser Rolle schon mit ihrem lasziven Tamburin-Tanz fast alle Männer auf der Bühne mühelos um den Finger, mausert sich anschließend jedoch ebenso schnell von der Disney-Prinzessin zur selbstbewussten Frau. Getreu der Botschaft des Abends, dass man Menschen eben nicht nur nach ihrem Aussehen oder ihrer Herkunft beurteilen sollte. Das wusste schon Victor Hugo.

Tobias Hell

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