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Das undatierte Probenfoto zeigt eine Szene aus dem Queen-Musical "We will rock you" am Deutschen Theater in München.

„We Will Rock You“

Queen-Musical: Es ist schräg, es ist sexy

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München - Das Queen-Musical „We Will Rock You“ feierte in Münchens Deutschem Theater umjubelte Premiere. Eine Kritik.

Es ist bunt. Es ist wild. Es ist schräg. Es ist sexy. Es ist – die beste Produktion, die seit langer Zeit in Münchens Deutschem Theater zu erleben war. Am Freitag feierte hier das Queen-Musical „We Will Rock You“ umjubelte Premiere. Und nach diesen drei Stunden (eine Pause) bleibt die Erkenntnis, dass knapp 20 Minuten Schlussapplaus verdammt lang sein können, weshalb sich Hauptdarsteller Christopher Brose am Ende einfach auf die Bühne setzte.

Die Produktion von Autor Ben Elton sowie den Queen-Musikern Brian May und Roger Taylor ist zwar ein klassisches Jukebox-Musical, das die größten Hits der britischen Rockband abfeiert. Elton aber hat die Nummern von „Radio Ga Ga“ bis „We Are The Champions“ in eine Geschichte eingebettet, die für das Genre erstaunlich politisch und dramaturgisch durchdacht ist: In einer 300 Jahre entfernten Zukunft, einer „dunklen Zeit der Globalisierung“, heißt die Erde „Planet iPad“ und wird von einem Computerkonzern beherrscht. Globalsoft hat alle Unterschiede zwischen den Menschen nivelliert und so „willige Konsumenten“ geschaffen. Deshalb sind auch Instrumente verboten, schließlich wird in der Rockmusik Individualität zelebriert, Kreativität gelebt.

Galileo und seine Freundin Scaramouche, zwei Individualisten, Träumer und Querdenker, machen sich auf die Suche nach der letzten, versteckten Gitarre, um die Herrschaft von Globalsoft mit der Kraft eigener Lieder zu erschüttern.

"We will Rock You" - Bilder rund um die Premiere in München

"We will Rock You" - Bilder rund um die Premiere in München

Freilich, Ben Elton hat diese Geschichte munter aus Sagen, Mythen, Märchen und der Popkultur zusammengeschrieben. Doch seine Erzählung funktioniert. Mehr noch: Das Spiel mit Zitaten ist bei „We Will Rock You“ Prinzip und großer Zuschauer-Spaß. Da werden etwa bekannte Liedzeilen anderer Künstler zu Dialogen der Protagonisten: „Weißt Du, warum unter zwounddreißig sechzehn acht Konjunktur herrscht die ganze Nacht?“, wird an einer Stelle gefragt. Darüber lachten bei der Premiere nicht nur Günther Sigl und Barny Murphy, deren Spider Murphy Gang mit dem „Skandal im Sperrbezirk“ einen ihrer größten Hits hatte. Natürlich schlägt nicht jede Anspielung Funken, natürlich zündet nicht jede Pointe. Doch „We Will Rock You“ ist mitunter wirklich komisch, und nur selten glitschen die Witze ins allzu Pennälerhafte.

All das wäre indes Nippes, gäbe es nicht das hochengagierte, auf den Punkt agierende Ensemble. Und gäbe es nicht diese umwerfende, achtköpfige Band, die das Queen-Material derart unter Strom setzt, dass selbst oft gehörte Songs kraftvoll aufpoliert werden. Leider wurden einige Liedtexte ins Deutsche übersetzt – Ben Elton wollte es so, um die Geschichte allgemeinverständlich voranzutreiben. So löblich sein Motiv, so kläglich und überflüssig das Ergebnis.

Die Ausstattung der Show oszilliert munter und frech zwischen der Achtzigerjahre-Endzeitfantasie „Mad Max“, Disneys infantilem „Club“ und Luc Bessons greller Zukunftsvision „Das fünfte Element“. Es gibt also ordentlich was auf die Augen. Christopher Brose und Jeannine Michèle Wacker brauchten am Freitag zwar etwas Zeit, um die Premierennervosität in den Griff zu bekommen. Doch dann lieferten sie Galileo und Scaramouche stimmlich und darstellerisch eindrucksvoll ab. Brigitte Oelke spielte nicht nur die Killer-Queen und damit die Herrscherin von Globalsoft, sondern hatte auch das Deutsche Theater fest im Griff: Diese Frau scheint in Leder eingeschlagenes TNT zu sein, ihre Stimme die Zündschnur. Markus Neugebauer und Linda Holmgren zeigten ihre Rock-Rebellen Brit und Ozzy, als wäre jeden Tag Wacken-Open-Air. Kurz: Hier weiß jeder, wie Unterhaltung geht.

Von der verstand auch Freddie Mercury eine Menge. Für den Queen-Sänger (1946–1991) war München eine Art Zuhause. Vier erfolgreiche Alben hat die Band hier in den Achtzigern aufgenommen. Wer Pathos liebt, könnte die Show im Deutschen Theater nun eine Art Heimkehr nennen. Stattdessen könnte man aber einfach feststellen, dass man sie gesehen haben sollte.

Michael Schleicher

Weitere Vorstellungen bis 13. Dezember; Telefon 089/ 55 23 44 44.

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