Filmszene aus „Das Fremde in mir“: Die Geburt eines Kindes verändert auch die Gefühle der Mutter. Foto: Ventura Film Berlin (fkn)

Rabenmutter wider Willen

München - Ein neugeborenes Baby ist für Mütter meist pures Glück. Doch für manche beginnt stattdessen ein schrecklicher Leidensweg.

Plötzlich sind alle Gefühle weg: die Angst, die Hoffnung, die Fröhlichkeit. Margit Wagner*, 39, sitzt emotionslos auf ihrem Sofa - und versteht nicht, warum. Keine Woche ist vergangen seit der Geburt ihrer Tochter Clara*. Die junge Mutter möchte Freude spüren, wenn sie ihr in die Augen schaut. Doch sie kann es nicht. Da ist nur ein Loch, kalt und sinnlos. Sie sieht ein Baby, das dringend die Hilfe der Mutter braucht. Und sich, die Mutter, die selbst vollkommen hilflos ist.

Etwas Fremdes ist in ihren Körper gekrochen und hat in der Seele gewütet. „In dem Moment wünscht man sich, es hätte einen nie gegeben“, sagt sie. Sie fühlt sich nutzlos, als Last für andere. „Man weiß, der Vater und das Kind wollen jetzt eine Mama, die glücklich ist, die rausgeht, schöne Dinge mit ihnen tut.“ Doch Wagner kann gar nichts mehr tun. Sie scheitert schon am Zähneputzen, ist seelisch und geistig zermürbt.

Das Fremde in Wagners Körper nennen Psychologen „postpartale Depression“, Schwermut nach der Entbindung. Jahr für Jahr leiden in Deutschland 100 000 Mütter darunter - fast jede Sechste.

Bei vielen beginnt es mit dem Baby-Blues: traurig und erschöpft erleben sie die ersten Tage des Mutterseins. In manchen Fällen hält der Zustand an, gräbt sich tiefer ins Bewusstsein, steigert sich bis zur Psychose mit schwerem Wahn. Die Frauen werden zu Rabenmüttern wider Willen, einige taumeln in den Selbstmord, reißen gar ihr Kind in den Tod.

Doch was ist der Auslöser für das seelische Tief? Nach der Geburt fällt der Hormonspiegel abrupt ab, der Körper produziert viel weniger Sexualhormone. Die Gefühle fahren Achterbahn. Auch zu hohe Erwartungen an die Mutter, Stress oder genetische Veranlagung können Gründe sein.

Margit Wagner dachte ständig, sie würde versagen: In der Bahn hatte sie Angst, ihr Kind an einer Haltestelle zu vergessen. Ging sie mit dem Kinderwagen über eine Brücke, bekam sie Panik, das Kind könnte ihr von der Brücke fallen.

„Das Gehirn blendet alles Positive aus, sieht nur das Schlimme“, sagt sie. Heute, fast drei Jahre nach der Geburt, kann sie über ihre Depression reden. Margit Wagner sitzt im Wohnzimmer, auf dem Schoß ihre Clara, mit Joghurt um den Mund. Sanft küsst die Mutter das Mädchen auf ihr goldblondes Haar.

Blickt sie zurück, erscheint Wagner vieles unvorstellbar. Früher erklomm sie Viertausender, ging ins Fitness-Studio und reiste um die Erde. Seit 17 Jahren hat sie einen festen Partner, ihr Leben schien stabil, ihr Gemüt robust. Doch vor Claras Geburt geriet ihre Welt ins Wanken: Umzug, Jobkrise, Zukunftsangst. Auf der Fahrt zur Klinik packt Margit Wagner Verzweiflung. Wieder und wieder sagt sie den Ärzten: „Ich schaff das nicht.“ Doch die zucken nur mit den Schultern.

Jedes Mal wächst ihre Furcht, ihr Gefühl der Einsamkeit. „Ich hatte immer Angst, Clara würde nie lachen können“, sagt sie. „Weil ich ihr nie gezeigt habe, wie das geht.“ Nach drei Monaten gab ihr ein Kollege die Nummer des Selbsthilfevereins „Schatten und Licht“. Endlich bekam Margit Wagner ärztliche Hilfe. Heute kann sie noch nicht auf Medikamente verzichten, ihre Kraft reicht nicht für die Viertausender, aber Margit Wagner kann wieder Mutter sein. Und ihre Clara lacht jeden Tag.

*(Namen geändert)

Ansprechpartner finden betroffene Mütter bei dem Verein „Schatten und Licht“ Tel.: 0 82 93/96 58 64, siehe im Internet unter www.schatten-und-licht.de. Für München auch: Ulrike Wecker Tel: 0 81 45/18 68.

Andreas Spengler

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