Die Rache des Gefühlsterroristen

- Eine Traumrolle. Für den Ferdinand aus Friedrich Schillers flammendem Jugenddrama "Kabale und Liebe" ist schon mancher Jüngling ans Theater gegangen. Doch heutzutage gelingt es nur noch selten, den liebeskühnen Adelsspross und Präsidentensohn dann auch wirklich selbst auf die Bretter zu schmettern.

<P>Marc Oliver Schulze aber hat Glück. In der Neuinszenierung des berühmtesten deutschen bürgerlichen Trauerspiels durch Florian Boesch (Ausstattung: Stefan Hageneier) darf er der tragische Held sein. Seine Luise, der er bekanntermaßen die Limonade vergiftet, spielt Anna Schudt. Außerdem sind mit dabei: Anna Riedl als Lady Milford, Eva Schuckardt und Jörg Hube als Ehepaar Miller, Stefan Hunstein als Sekretär Wurm und Rainer Bock als Präsident von Walter. Am morgigen Mittwoch ist Premiere im Münchner Residenztheater.</P><P>Beim Blick aufs Rollenverzeichnis fällt eines auf: Es fehlen der Kammerdiener und der Hofmarschall von Kalb, das scharfe politische Element sowie das tragikomische des Dramas, der aktuelle und sarkastisch-satirische Biss des jungen Schiller. Und schon ist man bei der Frage nach dem Warum mitten drin in der Liebestragödie. Marc Oliver Schulze: "Wir haben eine eigene, sehr verschlankte Fassung erstellt. Und dass es darin zum Beispiel den Hofmarschall von Kalb nicht mehr gibt, finde ich gut. </P><P>Es ist doch heute gar nicht mehr zu glauben, dass Ferdinand wirklich seiner Luise zutraut, diesem albernen Kalb den Liebesbrief geschrieben zu haben. Warum hinterfragt er das nicht? In unserer Version also richtet sie den erzwungenen, von Wurm diktierten Brief an einen Unbekannten, und Ferdinand hat wirklich Grund zur Eifersucht. Denn: Eine Eifersucht, die sich nicht konkret begründet, ist viel schmerzhafter als eine, die sich gegen einen bestimmten Menschen richtet."<BR><BR>Ob er das aus eigener Erfahrung weiß? "O ja. Ich kann sehr eifersüchtig sein. Wenn es einen Beweis gibt, dann geht die Post ab."<BR><BR>Doch zurück zu Schillers Ferdinand. Wollte Marc Oliver Schulze diese Rolle unbedingt spielen? "Ja, natürlich, absolut." Das mit der Traumrolle will er aber nicht eingestehen; er habe keine, es komme immer darauf an, in welchem Rahmen die Arbeit geschehe. "Jetzt", so sagt er, "habe ich das Gefühl, dass es sehr persönlich werden kann." Was das heißt? "Ich finde auch in mir jene Begeisterung, für andere Menschen diese Bilder zu entwerfen, wie es Ferdinand für seine Luise tut. Und dieses unaufwändige Selbst, diese Selbstverständlichkeit, einem anderen Menschen alles zu Füßen legen zu wollen. Das ist so wunderbar direkt, so, wie ich es meiner Liebsten vielleicht auch sagen würde - nur mit anderen Worten."<BR><BR>Ob man durch das alles selbst schon hindurch gegangen sein muss, um es spielen zu können, verneint Schulze. Aber: "Man muss die Möglichkeiten dazu in sich suchen. Diesen Gefühlsterrorismus des Ferdinand - den kann ich wohl nachvollziehen." Auch die Limonade, mit der er Luise am Ende vergiftet? Marc Oliver Schulze: "Na ja . . . Das ist ja kein Mord an sich. Ich versuche, es idealistisch zu denken. Ferdinand spricht von dem ,dritten Ort, an dem es nur ihn, Luise und ihre Liebe gibt. Man kann das auch positiv sehen: als eine Form der Liebesheirat."</P><P>Marc Oliver Schulze als Schauspielerkind zwar kein gebürtiger Münchner, ist doch aber in dieser Stadt aufgewachsen: Gymnasium, Falckenbergschule, erstes Engagement an den Kammerspielen, wo er schon als Student auf der Bühne stand. Dann hat ihn Dieter Dorn mit ans Bayerische Staatsschauspiel genommen. Und hier ist er der frisch gehandelte, neue "jugendliche Held". Der schöne Prinz Antiochus in "Rodogune" oder der edle Neoptolemos in "Philoktet" - und jetzt, erste Krönung, der Ferdinand. "Nein, eine so stücktragende Hauptfigur in diesem Maße habe ich bislang noch nie gespielt." Und er freut sich darüber, dass Anna Schudt erstmals seine Partnerin ist: "Das Liebespaar muss einfach stimmen. Ich stelle mir die beiden vor wie Nicolas Cage und Laura Dern in dem Film "Wild at heart".</P><P>Was würde ihn darüber hinaus noch besonders interessieren, außer für sich selbst im stillen Kämmerchen am Computer Musik zu schreiben oder politisch engagiert mit dem Ensemble des Residenztheaters Abend für Abend gegen den Irak-Krieg zu demonstrieren? "Ich würde gerne einmal so ein Milieu-Drama des amerikanischen Realismus' spielen. </P><P>Tennessee Williams zum Beispiel." Na ja, vielleicht gibt's doch noch einmal eine Renaissance der großen US-Autoren O'Neill, Wilder und Williams. Marc Oliver Schulze ist, wenn auch sarkastisch, nicht ohne Hoffnung: "In der einen oder anderen Form kommen die Amerikaner ja immer."<BR></P>

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