Rache in schwedischen Wäldern

- Gibt es wirklich böse Menschen? Oder sind es die Umstände, die das Böse hervorrufen? Fragen, die Henning Mankell nicht in einer philosophischen Abhandlung, sondern in dem von ihm meisterhaft beherrschten Genre des Kriminalromans zu beantworten sucht.

<P>In seinem ersten "Nach-Wallander-Roman", "Die Rückkehr des Tanzlehrers", spinnt der schwedische Bestsellerautor ein gewaltiges Netz des Bösen, in dem sich die Menschen so hoffnungslos verfangen, dass es nicht nur dem jungen Ermittler Stefan Lindman sehr schwer gemacht wird zu erkennen, wer Opfer und wer Täter ist. <BR><BR>Der erste Tote ist Lindmans Ex-Kollege Herbert Molin, der sich nach seiner Pensionierung in die Wälder von Härjedalen (der Heimat Mankells) zurückgezogen hat. Der Leser wird Zeuge dieses grausamen Mordes und erfährt, dass Molin diesen Racheakt seit vielen Jahrzehnten fürchtete. Die Schatten der Vergangenheit holten ihn jede Nacht ein, hatten ihn schlaflos und einsam gemacht und forderten nun ihr brutales Recht. <BR><BR>Auch Lindman ist ein Schlafloser, seit er erfahren hat, dass er an Zungenkrebs leidet. Eigentlich krank geschrieben, reist er nach Härjedalen, um herauszufinden, was mit seinem einstigen Kollegen und Lehrer passiert ist. Doch unversehens führen ihn die Ermittlungen zur Auseinandersetzung mit seiner eigenen Familiengeschichte. <BR><BR>Ein vor der Vergangenheit Flüchtender ist auch der Täter, der einst ein Opfer war. Damals im "Dritten Reich", das er als Jude in Berlin erlebte und wo er auf Herbert Molin traf, der sich als Schwede freiwillig der deutschen Waffen-SS angeschlossen hatte. Doch "die Rache wird zum Bumerang", denn nach 150 Seiten, als der Leser alles zu wissen meint, geschieht ein zweiter Mord. <BR><BR>Die Kulisse ist aus den Wallander-Büchern vertraut: Schweden im November, dunkel, neblig und kalt. So düster wie dieses Szenario, in das selbst der Schnee keinen Liebreiz zu zaubern vermag, sind auch die Seelenzustände der Protagonisten, allen voran der sich in Selbstmitleid ("ausgerechnet an der Zunge Krebs zu haben") und Selbstzweifeln ergehende Kommissar Lindman. Ihm gegenüber der Täter, der "sein ganzes Leben mit dem Gedanken an Rache verbracht und manchmal dieses Gefühl mehr gehasst hatte, als den Mann, gegen den sich sein Hass richtete". Die Geschehnisse in Berlin haben sein Leben ebenso zerstört wie das seines Opfers. <BR><BR>Und so liefert Mankell zwar alle Ingredienzien eines klassischen Krimis: ein paar Tote, eine lange im Dunkeln tappende Polizei, einen (schwachen) Hauch von Erotik und ein spannender Showdown, nachdem alles aufgeklärt scheint. Doch das Urteil darüber, wer der Täter und wer das Opfer war, wer gut und wer böse, wird nicht gesprochen. Der Henker ist genauso Täter wie die jungen Frauen, die auf den ersten Seiten des Buches hingerichtet werden, weil sie im Konzentrationslager Menschen zu Tode gepeitscht haben. </P><P>"Kein Volk ist von Natur aus böse", lässt Mankell einen englischen Offizier dabei reflektieren. "Diesmal waren die Nazis Deutsche. Aber niemand kann mir erzählen, dass das, was hierzulande geschehen ist, nicht ebenso gut in England hätte geschehen können. Oder in Frankreich. Oder in den USA." Die folgenden 500 Seiten wollen das belegen, ein bisschen moralisch, aber sehr spannend. <BR><BR>Henning Mankell: "Die Rückkehr des Tanzlehrers". Zsolnay Verlag, Wien. 505 Seiten, 24,90 Euro. Das Buch ist ab morgen im Handel. <BR></P>

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