Eingesperrt im weiten Land: Kafkas Amerika bei "Radikal jung"

München - Bastian Kraft verfrachtet Kafkas Amerika in eine zu groß geratene Telefonzelle. Ein brillianter Philipp Hochmair erspielt sich darin die Erzählung über das Eingesperrtsein in einem weiten Land.

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Auf der Homepage des Thalia-Theaters gibt es Fotos vom Stück und ein Video

Amerika: Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Hier kann man alles erreichen. Vom Tellerwäscher vom Millionär – oder genau anders herum. Bastian Kraft zeigt in seiner Inszenierung „Amerika“ vom Thalia Theater Hamburg, eine Bearbeitung des Romanfragments von Franz Kafka, die Geschichte des Auswanderers Karl Roßmann. Voller Hoffnung kommt er in in der neuen Welt an und scheitert immer wieder. Es ist die Geschichte des sozialen Abstiegs und der Heimatlosigkeit. Am Montag war sie bei „Radikal jung“ zu sehen.

Gefangen in der Enge des weiten Landes

Das Land der unendlichen Weite verwandelt sich bei Regisseur Kraft in einen Käfig der Enge. Das Bühnenbild: Ein kleiner, gläserner Kasten, verspiegelt, nur zum Publikum hin eine durchsichtige Scheibe. Philipp Hochmair, der einzige Schauspieler des Stücks, kann drin stehen, ein paar Schritte nach links oder rechts machen – mehr nicht.

Gefangen in der zu groß geratenen Telefonzelle ist Hochmair auf sich allein gestellt. Isolation und Beengtheit der Verhältnisse sind optisch kaum besser in Szene zu setzen. Hier finden Sie ein Video mit Auszügen aus der Inszenierung.

Hochmaier spielt in seinem Käfig nicht nur Auswanderer Roßmann, sondern auch all die anderen Figuren, denen er begegnet: Der 17-Jährige verdingt sich anfangs bei seinem Onkel im Transportgeschäft, wird dann aber entlassen und streunt mit Landstreichern orientierungslos durch die Gegend. Eine neue Anstellung findet er als Liftboy in einem Hotel. Auch das geht schief. In Oklahoma soll er schließlich als Künstler eine neue Chance in einem Naturtheater bekommen – „Amerika“ ist noch nicht so dunkel wie Kafkas Nachfolgeromane „Der Prozess“ und „Das Schloss“, dessen Hauptfiguren allesamt an ihrer Umwelt zu Grunde gehen.

Beeindruckende One-Man-Show von Philipp Hochmair

Philipp Hochmair legt eine beeindruckende Ein-Mann-Show hin: Blitzschnell wechselt er die Charaktere, springt dabei in seiner kleinen Zelle von einer Ecke in die andere: Den Auswanderer spielt er mit hoher, bisweilen brüchiger Stimme, den Kopf wie ein Schuljunge nach oben gerichtet, voller Erwartung, wohin es ihn als nächstes treibt. Den Onkel, ein Selfmade-Man, der es zu etwas gebracht hat, mit tiefer Stimme und verschränkten Armen – eine Respektsperson eben. Beim Landstreicher sitzt er in Unterhose und Sonnenbrille lässig auf dem Boden und schreit herum.

Regisseur Kraft versteht es auch, den kleinen Glaskäfig in die Handlung einzubinden: Am Anfang steht Roßmann im Anzug und mit Köfferchen einfach nur da. Er ist noch getrennt von der Welt, in die er eintreten will. Und völlig verschüchtert, als er im Hafen von New York einläuft. Nach und nach entspannt er sich, richtet sich fast häuslich im Kasten ein, klebt Fotos an das Glas und lockert seinen Schlips. Nach Roßmanns erster Entlassung schleicht der Schauspieler wie ein waidwundes Tier, gebückt, vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, im Kasten herum. Dabei wiederholt er wie im Wahn immer wieder die gleichen Phrasen, wechselt vom Englischen ins Deutsche und kann in seinem Elend nicht mehr erkennen, mit wem er es zu tun hat: „Hello, my name is Karl Roßmann. I’m 17 years old. Ich habe mich verirrt.“

Verirrt hat sich der 1980 geborene Regisseur Bastian Kraft mit „Amerika“ nicht. Seine Inszenierung ist scharfsinnig und setzt Emotionen punktgenau in stimmige Bilder um.

Tobias Langenbach

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