Das Spiel mit der Lust: So war "Ernst ist das Leben" bei Radikal jung

München - Dieser Abend swingt dahin wie eine entspannte Jazz-Platte. Aus Oscar Wildes "Ernst ist das Leben" macht Anna Bergmann bei "Radikal jung" einen Tuntenball und kramt tiefere Schichten hervor.

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Fotos vom Stück

finden Sie auf der Seite des Thalia Theaters

Wie zwei Gockel auf der Balz tänzeln sie an der Rampe entlang, vor lila Taft und einer gigantischen Diskokugel, nur schmachten sie sich gegenseitig an. Mit dezenten Hüftschwüngen und der Art wie sie mit Gehstock und Fluppe spielen, lassen Sebastian Rudolph und André Szymanski kaum einen Zweifel daran: An diesem Abend dreht es sich mehr um die Liebe der beiden Dandys Jack und Algernon zueinander und weniger um ihre Liebe zu irgendwem sonst in Oscar Wildes Verwechslungskomödie „Ernst ist das Leben (Bunbury)“.

Männer stampfen in Pumps umher

Das erlebte ein vergnügtes Publikum am Sonntag bei „Radikal jung“ im Volkstheater. Mit komplett männlichem Ensemble hat Regisseurin Anna Bergmann die Inzenierung 2009 als Tuntenball im Hamburger Thalia Theater auf die Bühne gebracht. In Pumps stampft Julian Greis als Lady Bracknell umher, Hans Kremers Gwendolen räkelt sich unablässig in einem Rokkoko-Tutu.

Bergmann und ihre Schauspieler kitzeln die homoerotische Komponente eines Stücks heraus, das seine Uraufführung erlebte, während sein Autor wegen seiner Homosexualität im Gefängnis saß. Elfriede Jelinek deutsche Fassung kommt dem sehr zupass. Jelinek überspitzt Oscar Wildes von Wortspielen gespickten Text und dreht ihn teils extrem ins Zotige.

Zotige Wortspielereien

So rettet sie vielleicht einen Teil der Wirkung auf das viktorianische Publikum, die das Stück 1895 bei seiner Uraufführung im Londoner St. James Theater hatte, ins Heute. Schwierigkeiten werden „Schwulitäten“, und Gwendolen fühlt sich „ganz tief unten, ich meine bis ins tiefste Innerste berührt“.

Ja, am Ende kriegen Algernon (Szymanski) und Jack (Rudolph) ihre Mädchen, deren tiefe Stimmen aber machen aus den Y-Chromosomen der „Damen“ keinen Hehl. Jack gesteht seinem Freund, dass er sich verliebt hat. „In ein Mädchen“, betont er. Und Algy stellt klar, dass er einer Heirat nie und nimmer zustimmen wird. „Bevor du sie heiratest, wirst du erst mal mich heiraten.“ Schon Wilde lässt die Männer sich am Ende vereinigen – kaschiert durch die Enthüllung, dass beide in Wahrheit Brüder sind.

„Eine triviale Komödie für ernsthafte Menschen“ ergänzte der irische Schriftsteller den Titel seines Stückes „The Importance of Being Earnest“. Seriös und gewissenhaft sein, auch bis zur Konformität, schwingt im englischen Wort „earnest“ mit. Wilde spielt mit dem Namen „Ernest“, was sich mit „Ernst“ nur schwach ins Deutsche retten lässt. Dandy Jack Worthing gibt sich als Ernest/Ernst aus, die Frauen verfallem diesem alter Ego allein wegen seines Namens.

Das Spiel mit der Lust

Aus Wildes Lustspiel macht Regisseurin Bergmann ein Spiel mit der Lust. Sie lässt ihre Schauspieler turteln, Zoten reißen und mit herrlich versemmelten Spitzen Karaoke singen. Sie geben ihre Rollen dauergeil, gerne mit kehlig angehauchten Dialogen. Gwendolen fingert am Mikroständer herum als wolle sie ihn zu mehr als nur zum Singen nutzen.

Die Verwicklungen des Plots geraten zwar ins Hintertreffen, wenn Bergman die tieferen Schichten des Stücks an die Oberfläche kramt. Weil sie Spaß aber niemals ganz Ernst werden lässt, swingen die etwa zweieinhalb Stunden reine Spielzeit dahin wie eine entspannte Jazz-Platte.

Kolja Kröger

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