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"Eros" in der Inszenierung von Christine Eder nimmt als die hauseigene Produktion des Gastgebers Volkstheater beim "Radikal jung"-Festival teil.

Eros bei "Radikal jung": Macht, Gier und Liebe

"Eros", die hauseigene Produktion des Münchner Volkstheaters mischt am Donnerstag und Freitag mit beim "Radikal jung"-Festival. Lesen Sie hier die Merkur-Kritik von der München-Premiere.

Der Salon eines Großindustriellen ist es ja nicht gerade, was da auf der Bühne zu sehen ist. Dazu ist die Ledersitzgarnitur zu abgewetzt, der Glastisch zu billig, und der Bleikristallaschenbecher reißt es auch nicht mehr heraus. Macht nichts, denn aus dem herrschaftlich gemeinten Ambiente muss später auch eine Studentenbude und APO-Schaltzentrale werden, und dann passt das Mobiliar wieder.

Hier sehen Sie Bilder der Inszenierung

Eros: Dieses Stück schickt das Volkstheater selbst zu "Radikal jung"

Außerdem macht das glänzende Ensemble mit seinem fast stegreifartigen Spiel und den fliegenden Rollenwechseln ohnehin jede beliebige Kulisse zu einer anderen, die es gerade braucht. Aus der großbürgerlichen Villa wird eine Nervenheilanstalt, aus dem Luftschutzkeller die umkämpfte Straße beim Besuch des Schahs von Persien, aus Terroristenpistolen werden Pflugscharen – oder eher anders herum.

Helmut Krausser zeichnet in seinem Roman „Eros“ anhand einer unerfüllten Liebe deutsche Geschichte nach. Christine Eder hat mit der Dramaturgin Katja Friedrich eine eigene Fassung fürs Münchner Volkstheater erstellt.

Die vor Spiellust sprühende Inszenierung hatte dieser Tage bereits bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen Premiere. Diese erste Koproduktion mit einem Festival verschafft dem Volkstheater nicht nur überregionale Wahrnehmung, sie macht ihm auch Ehre.

Wolfram Kunkel, resigniert im Fauteuil thronend, gibt den alten von Brücken. Er will die Geschichte seiner unglücklichen Liebe zu Sofie, die eigentlich eine Geschichte von Überwachen und Manipulieren ist, von einem Autor verewigen lassen. Den spielt Jean-Luc Bubert verwegen und verschwitzt, und in der Rolle diverser prolliger Liebhaber von Sofie rülpst er so virtuos, wie Friedrich Mücke als junger von Brücken tanzen kann.

Dieser früh verwaiste Sprössling schwerreicher Nazi- Eltern glaubt, mit seinem Geld alles haben und machen zu können. Und so bezieht sich der Titel „Eros“ nicht nur auf die Attraktivität seiner Sofie, sondern auch auf die der Macht. Doch das Mädel, das ihm noch zu Kriegszeiten geschäftstüchtig einen überteuerten Kuss verkaufte, entkommt ihm immer wieder, trotz all seiner Versuche, sie beobachten und beeinflussen zu lassen.

Bundesdeutsche Geschichte, von Wiederbewaffnung bis zur Anti-Atom-Bewegung, wird von den Schauspielern schlagwortartig resümiert. Mücke spielt fulminant, wie dieser von Brücken in seinem Liebeswahn immer knapp neben der Zeitgeschichte her lebt und in seiner Machtgier glaubt, sich eine eigene erschaffen zu können. Xenia Tiling, Mareile Blendl und Stefan Murr in den übrigen Rollen sind ihm dabei hervorragende Partner.

Christine Diller

Diese Rezension ist zu Pfingsten 2009 im Münchner Merkur erschienen.

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