Eine geile Show: Schillers "Geisterseher" bei "Radikal jung"

München - Eine Schmiererei nannte Schiller seinen Gruselroman "Der Geisterseher". Wie Regisseur Antú Romero Nunes ihn auf die Bühne des Volkstheaters bringt, wird er zur "geilen Show".

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Antú Romero Nunes hat sich viel vorgenommen bei seiner Theater-Umsetzung von Friedrich Schillers Gruselroman-Fragment "Der Geisterseher": Kein Menschengetümmel in den verwinkelten Gassen Venedigs, das Nunes sich auf die Bühne holt - nur eine kahle schwarze Wand, schwarzen Boden und zwei Personen. Genau das aber entpuppt sich als große Stärke dieser Inszenierung, die am Maxim Gorki Theater in Berlin entstanden ist. Mit ihr präsentiert Nunes, Jahrgang 1983, am Samstag seine frische und leichtfüßige Regiekunst beim "Radikal jung"-Festival im Münchner Volkstheater.

Es wirkt enorm spontan, wie Nunes' Schauspieler Paul Schröder und Jirka Zett trampeln, schwitzen, fluchen, prügeln und sich durch ihre scheinbar just in diesem Moment erst ausgedachte Handlung debattieren. Die beiden verkörpen nicht, sie erzählen vielmehr die Geschichte des protestantischen Prinzen aus deutschen Landen, der sich nach Venedig absetzt und in die Fänge einer Geheimgesellschaft gerät. Sie schlüpfen in die verschiedensten Rollen und finden dabei ihre ureigene Sprache.

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Der Geisterseher bei "Radikal jung": "Ein Strudel aus Rausch und Erkenntnis"

Jeder darf mal den Erzähler spielen, den Prinzen selbst oder die Leute, die ihn ins Verderben stürzen. Dabei kann es schon mal vorkommen, dass das Projekt ins Stocken gerät und die beiden Kumpanen sich in die Haare geraten. „Ihr könnt ja weiterklatschen, ich gehe jetzt“, sagt einer der beiden beleidigt, als es nicht so läuft, wie er es haben will.

Eine Inszenierung, die Spaß macht - und die Schillers vernichtendem Urteil über sein eigenes Werk nicht gerecht wird. So richtig leiden konnte der seinen 1787 erschienenen „Geisterseher“ nicht. „Der Geisterseher, den ich eben jetzt fortsetze, wird schlecht“, schrieb er 1788. Die Gruselgeschichte bezeichnete er später schlicht als „Schmiererei“.

Der Prinz, ein Fürstenkind ohne Thronambitionen, lässt sich in Venedig den Lebenswind um die Ohren wehen. Diszipliniert und zurückhaltend – er lässt sich nichts zuschulden kommen. Eine unheimliche Begegnung mit einem Armenier und andere rätselhafte Ereignisse bringen die Welt des Blaubluts aber völlig aus den Fugen. Er stürzt sich ins Getümmel, nimmt von Saufgelagen bis Frauen alles mit, was ihm das Leben zu bieten hat. Im Hintergrund zieht eine Geheimgesellschaft die Fäden, die das Schicksal des Prinzen geschickt zu manipulieren weiß.

Regisseur Nunes schafft es, aus Schillers Vorlage aktuelle Bezüge herauszuarbeiten. Sein Prinz ist in der Gegenwart angekommen: eine Mischung aus Yuppie und Langzeitstudent, der nicht weiß, was er vom Leben zu halten hat und deshalb alles mitnimmt, was ihm in die Quere kommt. Seine Gier nach Erfahrung kennt keine Grenzen: Alkohol, Gewaltorgien, Mottopartys – alles ist erlaubt.

Nunes hat auch den Mut zur platten Blödelei. Dem Stück verleiht das eine erfrischende Leichtigkeit. Als sich einer der beiden Figuren als Geisterbeschwörer versucht, könnte er mit seinem Zylinder, seinem Frack und seinem Gepolter jedem Heizdeckenverkäufer auf Kaffeefahrt Konkurrenz machen. „Kommen Sie näher“, posaunt er in bester Jahrmarktsmanier hinaus – aus den Boxen kommt Leierkastenmusik.

Die Geisterbeschwörung (stark in Szene gesetzt durch eine Nebelmaschine als billiger Spezialeffekt) entpuppt sich als einfacher Trick. Macht nichts. Das sieht auch der Prinz so. „War doch 'ne geile Show“, sagt er am Ende des Spektakels. Eben. Und keine "Schmiererei".

Tobias Langenbach

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