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Shirin (Magdalena Helmig) zeigt dem zukünftigen amerikanischen Präsidenten (Andreas Bittl) ihre Welt.

Barack Obama bei "Radikal jung": So war "Himmelangst"

München - In "Himmelangst" streiten Barack Obama und drei iranische Stewardessen die  über die großen Fragen unserer Zeit. Hier lesen Sie die Kritik und können in das Stück hineinhören

Was läuft sonst noch?

Hier kommen Sie zu den anderen Stücken bei "Radikal jung"

Shirin (Magdalena Helmig) hat die Prozession der Gläubigen direkt vor Augen. Doch eigentlich plärrt der Trauergesang aus einem billigen Kofferradio. Dieses Radio, mit ihm hat die junge Regisseurin Lilli-Hannah Hoepner ein deutliches Zeichen gesetzt: Das Geschehen, um das sich Daniela Dröschers „Himmelangst“ dreht, spielt sich im Grunde jenseits der Bühnengrenzen ab. Es geht um das Erzählen und wie es den Horizont der Menschen erweitert.

Regie und Schauspieler ringen mit dem Text

Hoepner hat das Stück im Oktober am Bochumer Schauspielhaus uraufgeführt. Ein völlig überfrachtetes Textkonvolut. Hoepner und ihre vier Schauspieler verdienen allen Respekt für ihren harten Kampf, seine Kerngedanken mit den Mitteln des Theaters sichtbar zu machen.

Das gelingt nur schwer, wie am Montag und Dienstag bei „Radikal jung“ am Volkstheater offenbar wurde. Die Dramaturgen Nadine Vollmer und Marcel Luxinger haben mit ihrem Spielzeitkonzept und der eigens beauftragten Textvorlage fast unüberwindbare Hürden aufgebaut. Unter dem Motto „re-classified“ sollen Figuren der Literaturgeschichte ins Heute konfrontiert werden und miteinander konfrontiert werden. Hier sind es Fausts Gretchen, Johanna von Orléans und Lulu, die in der Gestalt dreier Schwestern als iranische Stewardessen auf einem Flug nach Teheran einem „Barry“ begegnen. Er will amerikanischer Präsident werden und transportiert, so die Idee, Othello ins Heute.

Hier finden Sie Bilder der Bochumer Inszenierung

Himmelangst bei "Radikal jung": Eine Reise ins Paradies?

Dröscher will ein Stück darüber geschrieben haben, sagt sie, dass „alles Erzählen die Ränder der Dinge ein klein wenig verschiebt“. Dass sich Horizonte weiten, Grenzen öffnen, wenn Menschen sich ihre Geschichten erzählen. Dass sie ihre Ängste verlieren. Besonders, wenn zwei Welten aufeinander treffen, zwischen denen sich der beherrschende Konflikt unserer Zeit abspielt.

Das fängt fröhlich an. „Come fly with me!“, trällern die drei Schwestern ihre Fluggäste an, Anna Staab (als mittelere Schwester Rukaya) schlängelt sich durch die Reihen und bittet um Speisewünsche. „Chicken or Pasta?“ Schon hier aber schwingt mehr mit. Shirin überfällt panische Flugangst. Sie hat Angst vor ihrem Leben, sagen die anderen. Und richtig los geht es erst, als Rukaya den Zuschauern ihre Reiseflughöhe als „die sicherste, die beste, eine vollkommene Höhe“ verkauft. Es ist der Ort, wo sie alle ihrer Angst begegnen können. Hier können Sie sich die Szene anhören.

Kleine theatrale Zeichen, wie das Kofferradio gereichen Hoepner und ihren vier Schauspielern (neben Helmig und Staab auch Eva Gosciejewicz als Leyla, die Älteste, und Andreas Bittl als Barry), der abstrakten Grundidee eine Form zu geben. Erzählen verschiebt die Grenzen. sagt Dröscher. Also liegen viele Dinge, über die geredet wird, jenseits der Bühne. Bittls Obama berichtet zwar von seinen Versuchen, als Schwarzer in einer von weißen dominierten Gesellschaft aufgenommen zu werden. Aber das einzig schwarze an Bittl sind sein Anzug und die gewellten Haare.

Zuschauer kreisen im Drehstuhl

Auch die Zuschauer blicken auf einen Horizont. Sie sitzen auf babyblauen Plastikdrehstühlen inmitten des Geschehens und folgen den drei Schwestern zu jedem ihrer Spielorte. Zu einer Wolke, in die Stadt, ein Hotel und den Friedhof der Märtyrer. Alle durch wenige Elemente nur angedeutet: Ein weißes Laken, ein Fahrrad, ein Bett und ein einzelner Scheinwerfer. Die Anordnung, ein Raumkonzept von Thomas George, war in der Bochumer Spielstätte „Theater unter Tage“ für die ganze Spielzeit Pflicht, im Volkstheater wurden die Drehstühle auf die große Bühne geschraubt.

Ab hier aber boxen sich Helmig, Staab, Eva Gosciejewicz (die älteste Schwester Leyla) durch Dröschers Textkonvolut. Aus dem Flugzeug springen sie in eine Traumwelt und begegnen ihrem Fluggast Barry. In nur eineinhalb Stunden verhandeln sie den Konflikt zwischen dem Islam und dem Westen, die Rolle der Frau im Gottestaat oder die der Schwarzen in den USA.

Energisch versucht das Ensemble, daraus Dialoge zu formen. Sie lachen sich aus, schreien sich an, spielen inmitten der Zuschauer. Angesichts der Textvorlage bleiben ihre Gespräche aber selten mehr als versetzt gesprochene Monologe. Und sie rauschen zu schnell vorbei, um in Gänze verstanden zu werden, geschweige denn verdaut. Hören Sie rein in die Szene auf der Wolke.

Zuckerl für Zitat-Fetischisten

Eindeutig zu viel des Guten sind die literarischen Figuren, die den Rollen als Charakterschablonen dienen sollen. Weniger wäre hier mehr gewesen. Dass Shirin in Barrys unsichtbarem Hund den Pudel aus Faust zu erkennen glaubt, dass Dröscher ihren Text mit zahllosen Querbezügen zu den Klassiker spickt, mag Zitat-Fetischisten erfreuen. Die moderne Ebene des Stücks allein verspricht schon Spannung und Relevanz. Dass vier iranische Flugbegleiterinnen in einer Traumwelt mit dem Menschen zusammentreffen, der schon vor seinem Friedensnobelpreis als politischer Messias gefeiert wurde.

Diese Idee wird dem Bildungsauftrag eines Stadttheaters mehr gerecht als das verkünstelte „re-classified“-Konzept – das nach nur zwei Inszenierungen wieder eingestellt wurde. Bei „Radikal jung“ in München war „Himmelangst“ zum vorerst letzten Mal zu sehen.

Kolja Kröger

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