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Mit Tränen in den Augen hört Wanda von Dunajew (Melanie Schmidli) zu, wie Severin von Kusiemski (Anna Blomeier) ihr von einem Traum berichtet - der bald grausame Realität wird. 

Sado-Maso und Schwarzwälderkirsch: So war "Im Pelz" bei "Radikal jung"

München - Das krasseste Stück bei "Radikal jung" war die Leipziger Inszenierung von "Im Pelz": Eine erotisierte Suche in den Untiefen unserer Psyche. Sinnlich und verstörend zugleich

Was lief sonst noch?

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Bevor Johannes Schmit seinen Frontalangriff auf die Sinne startet, öffnet der Regisseur seinen Zuschauern eben dieselben. Schwarzwälderkirschtorte, in der Mitte noch leicht gefroren, steht im Foyer für die wartenden Zuschauer bereit. Eingelassen wird nur, wer seine Schuhe auszieht, und darf sich dann dicht an dicht mit den anderen Theaterbesuchern auf die Bühne kauern, auf ein flauschiges weiches Fell, das den ganzen Raum ausfüllt und im Schwarzlicht schummrig leuchtet. Auf diesem Fell wird man hautnah Zeuge des krassesten Schauspiels, das in diesem Jahr zu „Radikal jung“ ins Münchner Volkstheater eingeladen wurde: Schmits Leipziger Uraufführung von „Im Pelz“. Sie ist minimalistisch, sinnlich und verstörend zugleich.

Wie weit treibt die Begierde einen Menschen? Die Frage lotet Schmit in der Laborkonstellation seiner Bühne aus. Der Versuchsaufbau: Zwei Menschen, ein Vertrag, und als ihre Triebfeder ihre Begierde. Und das unergründliche psychische Phänomen des Masochismus, der Lust am Leiden, der Erotik der am eigenen Leibe gefühlten Gewalt.

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Dominanz und Züchtigung bei "Radikal jung": "Im Pelz" aus Leipzig

Mit „Im Pelz“ greift die Autorin Katharina Schmitt die Grundkonstellation einer Novelle des Mannes auf, der dem Masochismus unfreiwillig seinen Namen lieh: „Venus im Pelz“ von Leopold Ritter von Sacher-Masoch. Ein Mann, Severin von Kusiemski, bietet sich in einem Kurhotel einer ihm unbekannten jungen Frau, Wanda als ihr Sklave an. Die einzige Bedingung: Sie muss für ihn Pelze tragen. Severin erzieht Wanda erst zu seiner Herrin, doch sie treibt das rituelle Spiel mit Lust zur grausamen Perfektion.

Schmits Schauspielerinnen, Anna Blomeier und Melanie Schmidli, lassen das Verlangen knapp unter dem Siedepunkt brodeln, nur versteckt unter einem Mantel gedämpfter Stimmen, ruhigen Bewegungen und bürgerlicher Höflichkeit. Schmidli zeigt eine bereits erhitzte Wanda, die mit ihren Worten das Angebot von Kusiemski noch ablehnt, ihren Körper aber bereits darbietet. Sie drückt sich an die Wand, reckt ihren Hintern vor, legt ihre Hand darauf und lockt mit den Fingern – nicht Kusiemski direkt, sondern die um sie gedränkten Zuschauer.

Blomeier und Schmidli erzeugen eine Spannung, die sich stetig steigert – weil alle Wünsche für die Zuschauer Imagination bleiben: Keine SM-Shows, keine Peitschorgien, und keine Pelzmäntel. Nur ein weißer Raum, das Fell am Boden und ein Schwebebalken in seiner Mitte, auf dem die Balanceakte des Lust-Spiels auch körperlich ausgetragen werden. (Bühne und Raum: Clementine Pohl und Susanne Münzner). Trotz aller Sexualisierung bleibt das Spiel von Herrin und Sklave geschlechtslos: Dass beide Figuren mit Frauen besetzt sind, befreit Schmit von der Gefahr, die Rollen des Spiels in Geschlechterrollen festzulegen.

Erotisches Prickeln weicht düsterer Beklemmung

Das anfängliche Prickeln macht nach und nach einem Gefühl düsterer Beklemmung Platz. Als es plötzlich dunkel wird und von irgendwoher Kusiemskis Schreie dringen, erreicht sie ihren Höhepunkt. Es ist der Moment, wo der Fetisch der Sklavenrolle in ernsthafte Gefahr umschlägt. Der Punkt, wo die totale Selbstaufgabe einem Menschen auch seine Würde zu nehmen droht.

Und der Moment, an dem das Stück eine neue Variable in die Versuchskonstellation einführt: Den Mann als Nebenbuhler, den sich Kusiemski als Strafe gewünscht hat und den Wanda auf ihn loslässt – als Eisbär ohne Pelz, ruhig und mit Kälte in der Stimme von einem halbnackten Matthias Hummitzsch gespielt, der majestätisch um den verschüchterten Severin umherschreitet und ihm Vorträge über das Jagdverhalten von Eisbären hält.

Schade nur, dass Regisseur Schmit am Ende doch Peitschen und Pelze herausholt. Plötzlich wird banal gezeigt, vor dessen Erwartung vorher die Luft geflirrt hat. Mit ihrer kleinen Peitsch-Party, die mehr unfreiwillig als freiwillig komisch wirkt, verjagen die drei Darsteller die kunstvoll hochgeschraubte Stimmung. Das aber ist nur ein kleiner Wermutstropfen in einer ansonsten ungemein dichten Inszenierung, die alle Sinnesebenen des Theaters ausnutzt.

Kolja Kröger

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