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So zerbrechlich, atemlos und unaufgesetzt  spielen Annika Schilling und Sascha Göpel die Teenagerliebe, wie man es selten sieht.

Das fetzt: So war Romeo und Julia bei "Radikal jung"

München - So sehr fetzt Shakespeare: Simon Solberg hat "Radikal jung" mit "Romeo und Julia" beendet - als coolste Liebesgeschichte aller Zeiten. Hier gibt es die Kritik, Fotos und ein Video.

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Das fetzt, das kracht, das rockt. Wenn Simon Solberg am Dresdner Staatsschausspiel „Romeo und Julia“ inszeniert, dann sampelt er sich Shakespeares tragische Liebesgeschichte aus Versatzstücken der Popkultur zusammen, nur zwischendurch leuchtet die blumige Sprache der Schlegel-Übersetzung hervor. Am Freitag, zum Abschluss des „Radikal jung“-Festivals am Münchner Volkstheater, preschte die Inszenierung am Publikum vorbei und ließ es geplättet, zu großen Teilen begeistert, und manchmal irritiert zurück.

Solbergs Verona ist ein Ghetto, ein sozialer Brennpunkt. Ein Bauzaun trennt die Häuser der verfeindeten Capulets und Montagues, denen Bühnenbilder Simeon Meier Campingzelte als Residenzen aufgepflanzt hat. Großkotzig und protzig stolzieren die Oberhäupter umher, vor allem Ahmad Mesgarha als aalglattes Ekelpaket Capulet. Ihre Schlägertrupps hat Katja Strohschneider (Kostüme) mit Tanktops, Skaterhosen und Baseball-Mützen ausstaffiert. (Video-Trailer)

Sie tanzen Breakdance, und statt Blankversen spucken sie derben Ghetto-Slang, beschimpfen sich als „Spasti“ und „Behindi“. Ihre Gefühle transportieren sie über den Soundtrack der Popkultur: Mit Casting-Shows, South Park und McHammer. Selbst die Sendung mit der Maus und Heinz Erhardt („Immer wenn ich traurig bin, trink' ich einen Korn“) werden bedient. Der Tod kommt in Gestalt von Curt Cobain und Heath Ledgers Joker-Grimasse aus dem jüngsten Batman-Film daher.

Bilder von der coolsten Liebesgeschichte aller Zeiten: Romeo und Julia aus Dresden

Die coolste Liebesgeschichte aller Zeiten: Romeo und Julia bei "Radikal jung"

Vordergründig entfernen sich Solberg und sein unter Volldampf spielendes Ensemble von Shakespeares Drama. Im Grunde aber transportieren sie die Energien der elisabethanischen Zeit ins Heute, die in dem Stück stecken: seinen Gefühlssturm, sein Tempo und seine von der Schlegel-Übersetzung glattgebügelte derb-kalauernde Sprache.

Selbst Romeo (Sascha Göpel) wird zum Filmzitat. Göpel hat 2003 in Sönke Wortmanns „Wunder von Bern“ die Rolle von Helmut Rahn gespielt. Die Amme (Cathleen Baumann) schwärmt Julia (Annika Schilling) von Romeos Fußballer-Beinen vor – und der mimt selbst den entgeisterten Radio-Reporter von 1954.

So mitreißend die Solberg-Methode ist, so viel Spaß sie macht, so sehr droht sie den emotionalen Schwenk in die Katastrophe zu verpassen. Solberg schreit die Tragödie mit Hollywood-Mitteln herbei (laut Musik für große Gefühle), was nur streckenweise wirkt.

Eine unschätzbare Hilfe sind da Annika Schilling und Sascha Göpel, die die Teenagerliebe so zerbrechlich, atemlos und unaufgesetzt spielen, wie man es selten sieht. Eine wahre Freude! Mit der größten Präsenz beeindruckt Wolfgang Michalek als Bruder Lorenzo: Ein lässiger Priester mit Glatze, Sonnenbrille und verblichenem T-Shirt, der am Bühnenrand in einem Hausboot lebt – einem Verschnitt aus Hippie-Heim und Arche Noah.

Und Solberg setzt den verbleibenden Rest des Schlegel-Shakespeare-Texts gezielt ein: Immer dann, wenn tiefe Gefühle die Geschichte vorantreiben: In der Balkon-Szene, die auf dem Bauzaun spielt, vor Romeos Flucht (mit Nachtigall und Lerche) oder wenn der tödlich verwundete Mercutio die Fehde der beiden Familien verflucht. Hier hat die Sprache Kraft, und klingt alles andere als museal.

Wie sich seit über 200 Jahren jede Generation in Deutschland ihren Shakespeare schafft, so erzählt Solberg in Dresden „Romeo und Julia“ in der Sprache der Popkultur unserer Zeit. Perfekt, um ein jugendliches Publikum zu verzaubern. Und sie macht neugierig auf seine „Johanna von Orléans“, die am 7. Mai am Volkstheater Premiere feiert.

Kolja Kröger

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