Der radikale Angriff auf die Mutter

- Im Juni 1989 führt der Journalist und Autor André´ Müller eines seiner berüchtigten, weil gnadenlos insistierenden Interviews für die "Zeit". Er führt es mit seiner Mutter und ist dabei nicht milder, eher schonungsloser. "Es war ein sich über Stunden hinziehender Kampf", schreibt er später. Nun das Gespräch als Stück.

"Man lebt, weil man geboren ist" trägt bei seiner Münchner Erstaufführung im Theaterzelt Das Schloss in der sparsamen, intensiven Inszenierung von Beles Adam den Untertitel "André Müller im Gespräch mit seiner Mutter". Doch es ist weit mehr: Es ist ein Angriff. Warum hat sie alles einfach hingenommen: Hitlers Einmarsch in Österreich; die Schläge ihres leiblichen Vaters; ihren Stiefvater, der ein Nazi war; und schließlich ihn selbst, ihren Sohn, den sie allein aufziehen musste? Immer wieder drängt sich Alexander Diepold als abgeklärter, mitleidsloser Journalist und egozentrischer Sohn in die verschlossene Miene von Katja Barwich, wirft der Mutter ihre Milde vor. Auch wenn die beiden im zweiten Teil bei Tee und Fotoalbum näher zusammenrücken, wird es zwischen ihnen nicht wärmer.

Der Dramatiker Peter Handke, der sich einmal wünschte, er hätte seine eigene Mutter vor deren Freitod mit "einem Kunstwerk von Fragen" konfrontiert, brachte Müller auf dieses Interview. Entstanden ist ein wichtiges Zeitzeugen-Dokument, das jedoch in seiner harten Form nur schwerlich an die Erlösung glauben lässt, die der Interviewende hinter den Worten wähnt. Im Theaterzelt begegnen Katja Barwich und Alexander Diepold diesem an sich furchtbar gewaltvollen Verhör mit bewundernswerter Stärke.

Bis 21. 1. (außer Mi.), Karten unter 089/ 300 30 13.

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