Radikales Schweigen

- Zum Spielart-Abschluss in der Münchner Muffathalle: "Tragedia Endogonidia" der Societas Raffaello Sanzio (SRS). Mit "Giulio Cesare" hatte Romeo Castellucci sich schon 1997 bei Spielart als ein Regisseur dunkel verrätselter mythischer Bilder vorgestellt. Jetzt ist er noch radikaler. Seine "Tragedia" ist grausames, kinorealistisches Theater, nah an Artaud und Pasolini. Und in seiner Wortlosigkeit, seinem Aktions-Minimalismus wirkt das Stück wie ein Über-Beckett. Umso schärfer, unerbittlicher die Wirkung. Die wenigen Szenen, die sich in einem aseptischen Kasten-Raum abspielen, sind schon ins Langzeitgedächtnis eingebrannt, ehe man sich dagegen wehren kann.

Wenn die griechische Tragödie über den Chor noch erklärt, schweigt sie bei Castellucci. Bei ihm nur noch - Bilder. Geheimnisvolle, vieldeutbare Bilder, die durch den unweigerlichen Anreiz zur Entschlüsselung auf die eigene Gefühls- und Erfahrungswelt zurückwerfen. Das erste Bild: eine Bedienstete, die sorgfältig den Boden wischt. War da Blut? Ist dieses Marmor-Labor, fenster- und türenlos, Kreißsaal oder Leichenschauhaus? Beides, denn Castelluccis Tragödie ist eine über das Geborenwerden und das Sterben. In den folgenden, gezielt zermürbend langen filmischen Bild-Einstellungen: ein mit einem Sprachcomputer allein gelassenes weinendes Baby, ein mit Kugelbauch bis zur Zweigeschlechtlichkeit aufgeblähter alter Mann im Bikini. Zwei Polizisten prügeln einen Nackten zu Tode, entsorgen ihn in einem Müllsack. Und drei schwarze mysteriöse Figuren agieren als Zeremonienmeister des Todes.

Am Ende legt sich der alte Kugelbauchige zum Sterben auf sein Krankenhausbett. Die Identität auslöschende Kapuzenmaske stülpt er sich selbst über. Ein surreales Bildertheater, das zwischen Jenseitsstille und elektroakustisch verstärkten Todesknüppeln trifft - wie ein Hammerschlag.

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