Die Radioaktivität und die Liebe der Frauen

- Ist die Liebe eine Wissenschaft wie die Physik oder die Chemie? Sind die Entdeckungen in der Psyche der Frauen vergleichbar mit der Entdeckung der Radioaktivität? Beide Fragen prägten die Wissenschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Und sie bestimmen den jüngsten Roman des schwedischen Schriftstellers Per Olov Enquist: "Das Buch von Blanche und Marie".

<P class=MsoNormal>Eine halb historische, halb fiktive Geschichte. Denn im Mittelpunkt des Romans stehen Marie Curie, die zweifache Nobelpreisträgerin für Physik und Chemie, und Blanche Wittman, die "Königin der Histerikerinnen". Auf der einen Seite: die hochintelligente Forscherin, die im Paris der 90er-Jahre mit Radium experimentiert und - ohne noch die Gefahr zu kennen - alle Welt begeistert mit der Existenz der geheimnisvoll blau schimmernden Strahlen.</P><P class=MsoNormal>Auf der anderen: Wittman, die nach dem Tod des berühmten Nervenarztes und ihres Geliebten Jean Martin Charcot aus der Frauen-Heilanstalt Salpê^triè`re als gesund entlassen und nun Assistentin bei Marie Curie wird. Was die Frauen eint: ihre ungeschützte, rücksichtslose, krank und gleichsam selig machende Liebe. Blanche hat sie hinter sich. Ihre Leidenschaft zielt darauf, den seelischen Vorgang wissenschaftlich zu ergründen. Denn körperlich ist sie durch permanentes Hantieren mit dem radiumhaltigen Pechblende verstümmelt. Ohne Beine, nur noch ein Arm: So vegetiert sie - wohnhaft jetzt bei Marie - in einer Holzkiste auf Rädern. Und schreibt ihre "Fragebücher".</P><P class=MsoNormal>Marie hat die sie beinahe vernichtende Liebe - nach dem Unfalltod ihres Mannes Pierre - noch vor sich: die Affäre mit ihrem verheirateten Kollegen Paul Langevin.</P><P class=MsoNormal>Doch der Roman folgt nicht so einfach der Chronologie der Ereignisse. Unter Verwendung der Aufzeichnungen Blanches schachtelt Enquist die Vorkommnisse wie zu einem Zauberwürfel ineinander und leuchtet damit meisterlich hinein in die Schattenseiten der Liebe.</P><P class=MsoNormal>Während das Geheimnis des gefährlichen Radiums heute wissenschaftlich erklärt ist, bleibt das Mysterium der Liebe auch im 21., in Enquists Jahrhundert undurchschaubar. Das ist die Brücke in die Gegenwart. Die schlägt der Erzähler des Ganzen mit raffinierter sprachlicher Lakonie. Der Leser darf ihn mal vermuten als unmittelbaren, mitfiebernden Vertrauten von Blanche und Marie, ein andermal als jenen, der aus einem Jahrhundertabstand distanziert, wissend, aber auch mitfühlend auf die seelischen, intellektuellen und körperlichen Kapriolen dieser früh emanzipierten, liebenden und leidenden Frauen schaut.</P><P class=MsoNormal>Ein wunderbarer Roman. Ein großes Stück Weltliteratur. Nur logisch, dass Enquist in diesem Jahr mit dem "Corine"-Buchpreis ausgezeichnet wird.</P>Per Olov Enquist: "Das Buch von Blanche und Marie". Hanser Verlag, München, 237 Seiten; 19, 90 Euro.Der Autor liest heute, 20 Uhr, im Münchner Literaturhaus, Tel. 089/ 29 19 34 27.

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