An den Rändern des Nichts

- "Das war ganz reizend gewesen, zu Anfang des Krieges, als das Kind seiner Mutter täglich Briefe schrieb: Liebst du mich? Ich liebe dich auch. Ich liebe dich. Liebst du mich auch?" Aber sie liebt ihn nicht. Nach über 20 Jahren ist von Christoph Meckel der Paralleltext zu "Suchbild über den Vater" erschienen: "Suchbild. Meine Mutter". Das Erzähler-Ich beginnt zu schreiben, während die Mutter noch lebt und endet mit ihrem Tod: Meckel lässt also den Leser ganz nahe an sich, an seine authentische Person heranrücken. "Pietät ist verfehlt, schon immer verfehlt gewesen."

<P>Christoph Meckel, Jahrgang 1935, sucht das Persönlichkeitsbild einer Frau zu erfassen, die nicht lieben kann: "Ich hatte ein Vakuum zu überwinden, und ein Defizit, das ersticken kann." So wie das Kind, der junge Mensch das "Vakuum" umkreist und nicht füllen kann mit Leben und Liebe, so umkreist der Schriftsteller jene Leerstelle, ein Loch, ein Nichts.</P><P>"Das Reden stellte eine Wirklichkeit her, die alles Tatsächliche verschlang."<BR>Christoph Meckel</P><P>Denn es ist nicht beschreibbar. Nur die Ränder können abgetastet werden. Und das macht Meckel mit kühler, analytischer und deswegen enorm faszinierender Geduld. Das ist es, was einen an dem Buch so erschüttert: Wie sich einer an der Wunde abarbeitet, die die eisige Abwesenheit von Gefühl, Wärme, Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit,  Zuneigung einbrannte, und doch so ruhig bleiben kann. Der Erzähler berichtet nicht hasserfüllt und nur manchmal wütend. Es geht ja auch nicht um eine Psycho-Sadistin, um eine prügelnde Asoziale, die ihren Nachwuchs vernachlässigt. Es geht um eine durch und durch korrekte Frau: um eine protestantische Preußin. Ihre vollkommene Ichbezogenheit verbirgt sie hinter der Konvention einer guten Ehefrau und Mutter. </P><P>Aber so - scheinbar - gelassen Meckel ist, so gnadenlos ist er auch. Er seziert die Mutter erbarmungslos. Mitgefühl gibt es nur für den Vater, Bruder oder die Großeltern. Kleine Episoden und komprimierte Reflexionen stellen Personen und Lebensumstände dar. Verständnis, ja Zartheit scheinen durch. Bei der Mutter kann allerdings nur mit Kälte reagiert werden - Reflex auf das Nichts von Liebe.</P><P>Der Autor zerlegt die Intellektualität der hochbegabten Frau, deckt ihr Gesprächstalent als Kulisse auf: "Das Reden stellte eine Wirklichkeit her, die alles Tatsächliche verschlang. Während des Redens behielt sie grundsätzlich recht. . . .  Ich erfuhr Gespräch als eine Form des Zerredens, als Zerfressen von Wirklichkeit und persönlichem Zauber . . ." Und der Schriftsteller, der Mann des Wortes, des Buches, des Lesens und Schreibens, muss ausgerechnet die passionierte Salon-Plauderin und Leserin, seine Mutter, als Zerstörerin des innersten Sinns von Sprache entlarven: die Erzeugerin des Dichters als Vernichterin der Kommunikation.</P><P>Christoph Meckel legt hier (auch) ein eindrucksvoll intensiv gestaltetes Glaubensbekenntnis als Schriftsteller ab: Sei ein Text auch noch so schön, fehlt ihm die Liebe, die ehrliche Hinwendung zum Anderen, ist er nichts wert. Diesem Grundsatz möchte Meckel mit ganzer seelischer und großartiger sprachlicher Kraft auch bei seiner Mutter folgen. Lässt nach langer Trennung so etwas wie ein Gespräch zu, aber der Schmerz kommt immer wieder und führt zu Sätzen wie: "Sie erschien tolerant aus Gleichgültigkeit und war fähig, lebendiges Leben zu verneinen, sie verteilte Demütigungen wie andere Bonbons."</P><P>Christoph Meckel: "Suchbild. Meine Mutter". Carl Hanser Verlag, München. 124 Seiten, 13,90 Euro. <BR></P>

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