Ränkespiele und Intrigen

- Um größtmögliche Sachlichkeit will er sich bemühen - auch seinen Gegnern gegenüber. Das formuliert der katholische Schweizer Theologe Hans Küng im Vorwort seiner Erinnerungen, die jetzt unter dem Titel "Erkämpfte Freiheit" im Piper Verlag erschienen sind. Ein hehrer Vorsatz, den der 74-Jährige aber schon bald über Bord wirft. Wenn der streitbare Theologe, dem nach vielen Auseinandersetzungen mit der römischen Kurie um die Unfehlbarkeit des Papstes und die Strukturen in der Kirche am 18. Dezember 1979 die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen worden war, erstmals in seiner Autobiografie den Namen des derzeitigen Papstes erwähnt, dann kann er seine Häme nicht mehr zügeln.

<P> Süffisant erzählt der Schweizer, dass "ein gewisser Karol Wojtyla aus Krakau" von der päpstlichen Hochschule Gregoriana abgewiesen worden sei "wegen ungenügendem Abschluss seiner Studien in Polen". Dieser polnische Student habe sich zwar einiges in Philosophie angeeignet, "verfügt aber offenkundig über ein recht dünnes theologisches Fundament". <BR><BR>So hart Küng mit seinen Kritikern ins Gericht geht oder sie von oben herab als theologische Leichtgewichte abkanzelt, so prächtig fallen die Lobgesänge auf sich selbst aus. Sollte es etwa Selbstironie sein, wenn er es sich mit als Verdienst anrechnet, dass in der Schweiz am 3. März 2002 mit knapper Mehrheit für den Beitritt zur UNO votiert wurde? "Ob meine Fernsehauftritte vielleicht auch einige UNO-Skeptiker überzeugt haben?", fragt er den Leser. Jedenfalls habe man ihm schon vorher aus dem Berner Bundeshaus für sein entschiedenes Votum pro UNO-Beitritt gedankt. Danke, Hans Küng. <BR><BR>Der Leser muss auch nicht unbedingt wissen, welcher Theologe Thesen des aufrechten Streiters in eigenen Veröffentlichungen übernommen hat, ohne den Urheber zu zitieren. Doch der Autor wollte es nun einmal gesagt haben - zumal er damit auch Kardinal Joseph Ratzinger einen kleinen Seitenhieb verpassen kann. <BR><BR>Küng hat natürlich auch viel Spannendes zu berichten. Die Beschreibungen der Zeit des II. Vatikanischen Konzils, der Ränkespiele und Intrigen hinter den Kulissen sind schon lesenswert. Getrübt wird die Lesefreude aber durch die immer wieder eingestreuten Lobeshymnen auf die eigene Unabhängigkeit, die eigene wissenschaftliche Größe und den eigenen kämpferischen Mut. Das hätte der trotz (oder wegen) kirchenamtlicher Verbannung weltweit anerkannte Theologe doch gar nicht nötig. </P><P>Vielleicht hätte er eher den Mut aufbringen sollen, seine Erinnerungen durch einen anderen Autor zu Papier bringen zu lassen. Denn zu berichten gibt es aus dem aufregenden Leben des wichtigen Theologen jede Menge. Interessant liest sich auf jeden Fall, wie nach Küngs Beschreibungen in der katholischen Kirche Karrieren gemacht oder behindert werden. <BR><BR>Zunächst hat der Schweizer die Erinnerungen aus seinen ersten vier Jahrzehnten vorgelegt. Die hochspannenden Erlebnisse bis hin zur Entziehung der Lehrerlaubnis, die zu Recht weltweite Empörung ausgelöst hat, werden in seinem zweiten Rechenschaftsbericht folgen. Es ist zu hoffen, dass der Autor darin ohne die Lobeshymnen auf die eigene Person auskommt. <BR><BR>Hans Küng: "Erkämpfte Freiheit". Erinnerungen. </P><P>Piper Verlag, München. 620 Seiten, 24, 90 Euro. </P><P>Am Freitag, 15. November, liest der Autor im Rahmen der Münchner Bücherschau im Carl-Orff-Saal des Gasteig, 20 Uhr, aus seinem Buch. <BR></P>

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