Journalistin Mesale Tolu kommt aus türkischem Gefängnis frei - doch es gibt einen Haken

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Das Rätsel Botho

- Was treibt einen Schriftsteller, der ein großartiges, eigenständiges Werk aufzuweisen hat, dazu, Shakespeare zu "überschreiben"? Will er sich mit ihm, dem Größten seiner Zunft, messen? Doch alles, was über Gebrauch und Missbrauch von Macht, über die Abscheulichkeit des Menschen und seine Bedürftigkeit zu sagen ist, hat der Elisabethaner in seinen Dramen gesagt.

Und dennoch: Bertolt Brecht nutzte "Coriolan" für seine Zwecke, Heiner Müller "Hamlet", "Macbeth" und "Titus Andronicus". Und eben dieser "Titus Andronicus" musste jetzt auch für Botho Strauß, den Meister abgründiger Gesellschaftsbilder unserer Zeit ("Die eine und die andere"), herhalten. Unter dem Titel "Schändung" hat er das grausamste aller Shakespeare-Stücke sich anverwandelt. Und niemand weiß, warum. Denn wie bei Brecht und Müller zeigt sich auch bei Strauß: Shakespeare ist nicht zu überholen.

"O, die verfluchte Plötzlichkeit."

Titus Andronicus

Nach der Uraufführung 2005 in Paris durch Luc Bondy nun die deutsche Erstaufführung am Berliner Ensemble durch Thomas Langhoff. Schon das Original ist in seiner Brutalität schwer auszuhalten. Das Theaterpublikum in München weiß das, denn hier war "Titus Andronicus" - noch nicht lange her - bekanntlich zeitgleich am Residenztheater und am Volkstheater zu sehen.

Botho Strauß holt in seiner Adaption das Stück durch den Trick einer kleinen Rahmenhandlung in die Gegenwart. Er aktualisiert nicht, sondern relativiert damit das eigentliche Geschehen: die Geschichte um den römischen Feldherrn Titus Andronicus, der die Goten besiegt hat, und um deren Königin Tamora, die sich grausam rächt, indem sie ihre Söhne anfacht, Titus' Tochter Lavinia zu schänden und zu verstümmeln, ihr die Zunge herauszuschneiden, die Hände abzuhacken.

Auf dem Markt wird geworben für sicheres Wohnen. Immobilien der "Terra secura", eines vor Terror sicheren Gettos für Wohlständige weit draußen vor der Stadt. Eine Mutter setzt ihren Sohn in der Menge ab, damit er brav warte, bis sie vom Einkaufsbummel zurück sei. Als Star-Wars-Krieger kostümiert, stellt er sich auf den Stuhl, schwingt sein Neon-Flammenschwert und markiert den Helden. Das blutige Spiel um Titus Andronicus beginnt. Der Knabe mitten drin in seinem Fantasiegebilde. Immer als der Gute, der kindlich gerecht Empfindende. Und darum am Ende auch logischerweise als der Kaiser von Rom. So lange jedenfalls, bis die zurückkehrende Mutter ihn herunter holt aus den Höhen der Fiktion.

Dazwischen aber das reale Shakespeare-Spiel, von Strauß dahingehend abgewandelt, dass einer der bösen Tamora-Buben Reue wegen seiner Schandtat empfindet und um die geschändete Lavinia wirbt. "O, die verfluchte Plötzlichkeit", kommentiert bei Strauß Titus Andronicus seine eigene falsche Entscheidung, die Kaiserwürde auszuschlagen. So wie dieser subjektive Moment das Leben Titus', seiner Tochter Lavinia, ja, das Leben Roms verändert, so muss auch Botho Strauß' geringster Eingriff in Shakespeare, seine "Schändung", eine Kette von Veränderungen nach sich ziehen. Überzeugend sind sie nicht. Führt Shakespeare uns klar die Unergründlichkeit des Geheimnisses dieser Menschen vor Augen, so stellt Botho Strauß hier nur seine eigene Rätselhaftigkeit aus. Ob die Schauspieler aus der Rolle fallen, ob sich eine Regisseurin durch neunmalschlaue Reden selbst denunziert oder ob ihre sexuelle Horror-Obsession beim Psychiater analysiert wird - das alles ist gegen das Original zweitrangig und dürfte nichts weiter als Stoff für zukünftige Magisterarbeiten sein.

Wenn dieser Theaterabend mit dem doppeldeutigen Titel dennoch Kraft hat und von starkem Ausdruck ist, ist das in erster Linie Shakespeare zu danken. In zweiter dem Regisseur Thomas Langhoff, der in einer Art Shakespeare-Bühne (Andrea Schmidt-Futterer) die Radikalität, die Bosheit und die Zartheit der Figuren packend aufeinander prallen lässt. Und in dritter Linie den Schauspielern: allen voran Jürgen Holtz als öffentlicher Ordnungsverfechter und privater Rächer Titus Andronicus sowie der jungen Christina Drechsler, die eine in ihrer Animalität tief berührende Lavinia spielt. Am Ende einhelliger Beifall. Botho Strauß blieb wie üblich der Premiere fern.

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