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Maler Neo Rauch mit seiner Frau bei der Eröffnung der Ausstellung.

Das Rätsel Mensch

München - Der gefeierte Maler Neo Rauch zeigt 60 Werke in der Münchner Pinakothek der Moderne. Der Münchner Merkur sah dem Künstler auf die Finger. Eine Ausstellungskritik.

Maler Neo Rauch mit seiner Frau bei der Eröffnung der Ausstellung.

Größe und Tiefe. Das sind die beiden Begriffe, mit denen man diese Ausstellung beschreiben kann. Staunend, immer wieder neu lesend steht man vor diesen riesigen Bildwerken, mit denen Neo Rauch seine Interpretation der Welt liefert. 60 Bilder präsentiert er in der Pinakothek der Moderne – die gleiche Anzahl parallel dazu in seiner Heimat Leipzig. Aber eigentlich sind es Hunderte von Geschichten und Gedanken, die sich da ausbreiten, die zum endlosen Weiterspinnen und Überlegen anregen. Neo Rauch wird nicht ohne Grund seit zehn Jahren als treibende Kraft und Erneuerer der klassischen Malerei gefeiert: Jetzt zeigt er, mit welcher Kraft er sein monumentales Projekt, den Zustand der Welt zu beschreiben, gestemmt hat.

Die malerischen Epen mit allen Finessen der Ölmalerei haben sich vom ostdeutschen Geheimtipp zu Recht zum internationalen Maßstab gemausert. Selbst wer zurückhaltende Werke wie „Das Haus“ von 1998 kennt, weiß, wie viel man mit einem grauen Regenvorhang, mit düsteren Bäumen und der Gewächshaus-ähnlichen, illuminierten Idee eines Heims aussagen kann: Die Hoffnung ist eine Baustelle inmitten einer düsteren Welt. 2005 gebietet eine riesige Hand dem kleinen Tierchen mit einem festen Griff am Nacken Einhalt, die traute, sauber und sterile Häuserwelt weiter zu erkunden – oder zu verunstalten?

Neo Rauch: 60 Werke in der Pinakothek der Moderne

Maler Neo Rauch: 60 Werke in der Pinakothek der Moderne

2008 zeigen sich bedrohliche „Alte Verbindungen“ zwischen dem illuminierten Haus eines Pärchens und dem Hochhaus mit dem rostroten Funkturm, zu dem ein tiefer Graben hinaufführt, der mit einer Rutsche überbrückt wird. Politische und gesellschaftliche Umbrüche und Rückblicke sind es, die hier mitschwingen.

Jetzt hat sich Neo Rauch farblich zurückgenommen, um thematisch vollends auszuholen: Das vorläufige Ergebnis seiner stringenten, aber nie langweiligen Entwicklung spiegelt sich in „Übertage“ (2009/10) wider. Die Fußwaschung eines fast biblischen Dreigestirns ufert in Wucherungen und auch sexuellen Anspielungen aus, während dahinter eine trostlose Industrielandschaft Einblicke in offizielles und privates Leben gibt. Rotbraun und türkis ergänzen sich grafische und malerische Elemente, changieren zwischen Skizze und Perfektion, zwischen Reportage und surrealem Gedankenspiel. Rauch hat den großen Bogen nicht nur stilistisch geschlagen und alle his

torischen Register von Delacroix’ Revolution bis hin zur Pop Art gezogen. Er hat sich der Klarheit und dem großen Erzählepos verschrieben, um eine ungeheuere Vielfalt aufzuzeigen und eben nicht einfach lesbar zu sein. Ähnlich wie einst Beckmann hat Rauch eigene Chiffren gefunden: In „Nexus“ (2006) ist die Weltbühne im Auf- oder Abbau begriffen. „Die Lage“ der Nation (2006) ist eine seltsame Schmiede hinter Stacheldraht, in der Helden abgefackelt werden und kraftlose Rüstungen entstehen.

Der Künstler lässt neben dem Gefühl der Bedrohung immer wieder farbenfrohe Sinnlosigkeit aufkommen. Und man kann sich weiter wundern und ereifern über neue Kapitel eingefrorener, abstruser Aktionen und neue Ansätze finden bei den sozialen Zustandsdramen auf der Leinwand. Der Ausgang ist stets ungewiss: Der Maler erlöst nicht aus der Entscheidungsnot über Gut und Böse, im Gegenteil. Die Zweischneidigkeit des Lebens ist der Motor der Bilder, die uns auf das Rätsel Mensch, Moral und Welt zurückverweisen.

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