Das Rätsel des schwarzen Dämons

- Fanatismus, Heiliger Krieg, Beschneidung, Kopftuch-Diskussion, Unterdrückung der Frauen und zahlreiche Konflikte in den letzten Jahrzehnten - der Islam ist in Verruf geraten. Gerade deshalb geht das Münchner Völkerkundemuseum jetzt in die Offensive und schlägt kulturelle, religiöse und soziale Brücken mit der Ausstellung "Nahrung für die Seele".Pauschalurteile werden entkräftet

<P>Politische Diskussionen sind nicht das Thema, sondern mit der aufgezeigten Vielfalt werden Klischees und Pauschalurteile entkräftet. Wer bisher mit dem Islam strikte Ordnung und Bilderverbot verband, wird in den "Erlebnisräumen" eines ästhetisch Besseren belehrt.</P><P>=right width=170 CMS_id="27215" CMS_otag="IMG" CMS_height="248" CMS_width="170">Diese erste große Islam-Ausstellung seit 1910 in München hatte genug Zeit zu reifen. Zwischen imposanten Architekturaufbauten, zarter Kalligraphie und mysteriösen Dämonenteppichen präsentiert das Museum seine Bestände in schillerndem Licht. Das Fundament der Kultur ist die Religion: Eine pakistanische Moschee-Fassade aus dem 17. Jahrhundert zeigt, wie Schrift und Ornamentik das Wort Gottes symbolisieren, wie die Weite der Architektur gleichzeitig seine Allgegenwärtigkeit und Unendlichkeit darstellen sollen. Die Säulen des Islam und die kleinen Handlanger der Religion sind in Vitrinen zu sehen.</P><P>Wie diese Grundideen in der Kunst ihre Entsprechung finden, wird im dunkelroten zweiten Saal deutlich. Nicht Nachahmung des göttlichen Werkes oder Identifikation mit Figurativem war beabsichtigt, sondern Umsetzung in Symbolsprache, in unendliche Arabesken, in dichte und lichte Kalligraphie. Das innere Wesen des Göttlichen soll sich offenbaren, Licht und Schatten bei einem vergitterten Fenster (Indien, 17. Jahrhundert) stehen etwa für Einheit und Vielfalt.</P><P>Ein Tigerfell, Mütze, Knotenstock, Doppelaxt, Bettelschale und Tasche sind feinst eingewebt auf einem Teppich aus dem Iran des 19. Jahrhunderts: Utensilien für die Derwische. Diese so genannten Sufisten sind die Mystiker, Ekstatiker und Künstler des Islam, die die unmittelbare Gotteserfahrung suchen, Gottes- und Menschenliebe gleichermaßen predigen.</P><P>Die Teppiche mögen ohnehin manchen verwundern: Das Bilderverbot umging man in der höfischen und in der volkstümlichen Religion. Herrscher- und Jagdszenen prunken auf prächtigen Exemplaren. Ein schwarzer Dämon, umringt von kämpfenden Tieren, gibt auf einem iranischen Teppich ebenso Rätsel auf wie ein metallener Dämonenkopf, der als Zeichen der Finsternis auf Derwischkeulen mitgeführt wurde. Weitere üppige Bildpracht offerieren neben den floralen Keramiken vor allem die Miniaturen, zarte Szenen von Meistern und Schülern, fließende Schriftzüge mit poetischen Versen.</P><P>Einen volksnahen Einblick in die Lebensgewohnheiten Pandschabs, dem Fünf-Strom-Land zwischen Pakistan und Indien, kann man im dritten Raum erwandern: Von der Gartensymbolik mittels eines weißmarmornen Säulenkiosks bis zur strikten Trennung des Privaten im Wohnhaus ist hier alles erfahrbar. Wunderbar filigran und überbordend geschnitzte Holzportale bestätigen: Der Islam ist eine blühende, faszinierende Kultur, die eine nähere Beschäftigung lohnt.</P><P>Bis 11. Januar 2004, Katalog: 22,50 Euro. Telefon 089/ 210 13 61 00. Im Anschluss wurde ein Raum für Wechselausstellungen mit "Stickereien im Karakorum" eröffnet.</P>

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