Raffinierte Zumutung beim Kammerorchester

- Der Mann aus dem Parkett hat Recht. Eine "Zumutung" ist "Cruel Sister" von Julia Wolfe, eine raffinierte Provokationsmusik. Die ist in bester minimalistischer Tradition, "nervt" mit repetierenden, sich überlagernden Rhythmen und Langstrecken-Akkorden, lässt also scheinbare Ereignislosigkeit zum Ereignis werden.

<P>Das Opus mündet in soghafte Sphärenklänge und eine knifflige Pizzikato-Episode. Beides schafft die Amerikanerin (Jahrgang 1958) dabei: Sie "bedient" das Potenzial eines Streicherensembles - und entlässt den Hörer keinen Takt aus der Konzentration. Dass bei der faszinierenden Uraufführung mit dem Münchener Kammerorchester und Christoph Poppen ein paar Späne fielen, liegt an der heiklen Textur - das Zeug zum Repertoirestück hat "Cruel Sister", das vom Münchner Verein musica femina in Auftrag gegeben wurde, zweifellos.</P><P>In herbstliche Farben tauchte dieses moll-lastige Konzert den Herkulessaal. Poppen und seine Musiker entwickelten Haydns 26. Sinfonie mit herber, klug balancierter Vitalität und erfüllten Hans Stadlmairs Toccata für Streichorchester und Cembalo mit klangschöner Wildheit. Der Komponist und jahrzehntelange Chef des Ensembles nahm den Beifall selbst entgegen - ein schönes Zusammentreffen von alter und neuer Kammerorchester-Tradition. Dass in Haydns "Scena di Berenice" mehr als virtuoser Furor steckt, bewies Juliane Banse. </P><P>Mit reifer Gestaltungskraft schlüpfte sie in die Rolle der armen Titelheldin, die den angeblichen Selbstmord des Geliebten beklagt. Erstaunlich dabei der Stimmumfang der Sopranistin, verlangt Haydn hier doch Koloratur-Dramatik, um die Sängerin kurz vor der Ziellinie noch in Vokaluntiefen zu stürzen. Wesentlich undankbarer: "A Mirror on Which to Dwell" - sechs Gedichte von Elizabeth Bishow in der Vertonung Elliott Carters, der die Emphase der Texte oft schroff konterkariert. Juliane Banse gestaltete intensiv, nie opernhaft, verdeutlichte die "kontrollierte Panik", wie es in einem Gedicht heißt. Eindrücklicher hätte sich's der Komponist wohl nicht denken können.</P>

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