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Da geht’s lang. Austropop-Legende Rainhard Fendrich gibt die Route vor – und die lautete für sein Konzert im BR-Funkhaus: Musik mit Schmäh, eh kloa!

Rainhard Fendrich: „Austria 1“ meldet sich zurück

München - Rainhard Fendrich hat den „Macho" mit Verachtung gestraft, keinen Fuß auf die „Strada del Sole" gesetzt, und auch die blecherne Havarie aus der „Zweierbeziehung" blieb draußen auf dem Autofriedhof liegen. Und das Schöne war: Es hat niemanden gestört!

Auch ohne einige seiner Goldies waren 200 Bayern-1-Hörer beim Exklusivkonzert im altehrwürdig holzvertäfelten Studio 1 des BR-Funkhauses hingerissen von Liedermacher, Chansonnier, Austropop-Legende Rainhard Fendrich.

Die „Austria 1“ plauderte und spielte sich durch ein Programm aus seinem neuen Album „Meine Zeit“ (Kritik siehe Kasten) und bewährten alten „Hadern“ wie dem „Bergwerk“ oder der Zweit-Nationalhymne „I Am From Austria“. Zum Dank gab’s bei diesem Hautnah-Auftritt Ovationen von Fans aus ganz Bayern und von daheim aus Österreich. Es lebe der Sport, es lebe der Fendrich!

Als „Lieder aus der Lebensmitte“ hatte der 55-Jährige vorab seine neue Platte angekündigt - das klang beinahe ein wenig bedrohlich, nach einem Abend voller herbstschwerer Moll-Töne. Von wegen! Nach dem ersten Hit des Abends, dem österreichischen Spezialitäten-Büffet vom Pflanzerl mit Kartoffelsalat bis zur Mehlspeise, das Bayern 1 für seine Gäste aufgefahren hatte, eröffnete Fendrich samt Viermann-Band pünktlich gegen 19 Uhr mit Hit Nummer zwei: „Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen?“ Das Publikum an den Tischen im Studio, im Durchschnitt etwa im Fendrich-Alter, bestätigte dankbar wippend: Haben wir, eh kloa!

Der „Raini“, im schwarzen Sakko mit T-Shirt unwahrscheinlich locker, schick und elegant, ließ den Schmäh vom ersten Augenblick an rennen, spöttelte über dauerstrahlende Kitzbüheler Schlagersänger, die „mit einem Kleiderbügel im Mund geboren sind“, und blödelte über die moderne Facebook-Jugend: „Früher hat man Angst gehabt, dass sich die Kinder erkälten. Jetzt, mit fünf Piercings, hat man Angst, dass sie verrosten.“ Sehr zurecht wunderte sich Fendrich über Wirtschaft und Politik im Jahr 2010: „Die ganze Welt hat Schulden. Amerika, Asien, Europa, Afrika eh schon immer. Und wenn alle Schulden haben, fragt man sich doch: Bei wem eigentlich?“ Das Kopfnicken der Zuhörer bestätigte: Diese Frage hätten sie auch gerne mal beantwortet.

Rainhard Fendrichs gesungene Wirtschaftskrisenbewältigung heißt „Luise“ - einer der brandneuen „Hadern“ aus „Meine Zeit“, wundersamerweise beinahe ebenso elegant und leichtfüßig wie einst der „Tango Corrupti“ oder die „Razzia“. „Die Seychellen können warten, schön ist’s auch im Schrebergarten“, singt Fendrich über die monetär schwer gebeutelte „Luise in der Krise“ - und diejenigen im Publikum, die die neue Platte noch nicht kennen, scheinen sich zu fragen: Ist das Lied wirklich neu, schreibt der Fendrich immer noch mit so viel Gespür für Schmäh? Antwort: Tut er!

Denn das ist die eigentliche Überraschung des Abends: Während man bei anderen Künstlern im reiferen Alter auf die alten Feger wartet und aktuelle Songs tapfer über sich ergehen lässt (Austria-3-Kollege Ambros kennt sich aus), passen die neuen Fendrich-Stücke erstklassig ins Programm - und sorgen einige Male regelrecht für Gänsehaut. „Wenn mein Leben ein Kalender wäre, ist jetzt September“, erklärt er seinen Zuhörern nach längst überstandenen Lebenskrisen irgendwann. „Es ist fast noch Sommer, die Sonne wärmt noch, aber nicht mehr so heiß. Und der Winter ist noch weit.“ Fendrichs Herbst ist zweifellos golden.

Jörg Heinrich

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