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Der Nimmersatte

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Von: Katja Kraft

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Über graumelierte Herren singt Rainhard Fendrich genauso gern wie über die Schickeria oder Machos. Stets mit einem Augenzwinkern – „das wurzelt im jüdischen Chanson der Fünfziger- und Sechzigerjahre“, sagt er. © Foto: Marcus Schlaf

Rainhard Fendrich sitzt in München im Café und bestellt zu allererst einen Espresso. „Dreifach bitte!“ Ernsthaft? Aber ja! Wenn’s um Kaffee geht, scherzt ein Wiener nicht. Dass der Sänger, der vor 63 Jahren in der Donaumetropole geboren wurde, ein echter Wiener ist, beweist er auch mit seinem neuen unplugged-Album „Für immer a Wiener“ (Sony). Am 19. Juli stellt Fendrich die CD beim Tollwood vor.

-Dreifacher Espresso, nicht schlecht – was war der stärkste Kaffee, den Sie je getrunken haben?

In Miami. Da gibt’s Cuban Coffee. Den verkaufen sie in Fingerhut-großen Becherchen. Ich gleich zum Verkäufer: „Das ist mir zu wenig, achtfach bitte!“ Sagt er: „Aber der ist sehr stark, Sir!“ Ich: „Kein Problem, das bin ich gewohnt.“ Ich konnte die ganze Nacht kein Auge zumachen. Seitdem bin ich etwas zurückhaltender. (Lacht.)

-Das haut selbst einen Wiener um. Was ist – außer der Liebe zum Kaffee – das typisch Wienerische?

Das Vielvölkergemisch der ehemaligen Donaumonarchie hat besonderes Flair – etwa mit den Kaffeehäusern. Sie waren Kulturzentren, wo Literaten, die in kalten Wohnungen hausten, sich tummelten. Denn im Kaffeehaus gab’s einen Ofen. Dann ist Wien geprägt von dem jüdischen Humor, der jüdischen Lied- und Literaturkultur. Es gibt keinen besseren Witz als den jüdischen. Und auf der anderen Seite ist da dieser fast liebevolle Umgang mit dem Tod. Man sagt ja: „Der Tod is’ a Wiener.“ Die Wiener Lieder handeln zu 50 Prozent vom Trinken und zu 50 Prozent vom Tod.

-Wie viele Stunden haben Sie schon im Kaffeehaus verbracht?

Viele! In der Schulzeit haben wir dort die Schule geschwänzt. Und anfangs habe ich im Kaffeehaus getextet. Bei meinen Eltern daheim war es mir zu laut.

-Wo schreiben Sie heute?

Überall. Man kann sich nicht aussuchen, wann einem etwas einfällt. So war es auch beim neuen Album: Ich stand’ in der Weihnachtszeit wieder mal im Stau. Es hat geregnet, die Leute sind mit vielen Paketen gelaufen – und ich seh’ dieses Plakat an der Kreuzung. Der Schriftzug: „Wenn ich groß bin, werde ich arm.“ Das hat mich nicht losgelassen. Ein Plakat der Volkshilfe, das darauf hinwies, dass in Österreich über 320 000 Kinder von Armut bedroht sind. In einem Land mit einem derartigen Wohlstand! Das hat für mich nicht zusammengepasst. So habe ich das Studioalbum, das ich eigentlich fast fertig hatte, verschoben, stattdessen drei Live-Konzerte gegeben, 18 der dort gespielten Lieder auf CD gebrannt. Der Erlös wird gespendet.

-Sie haben sich schon immer karitativ engagiert...

Weil ich glaube, dass man, wenn man so viel Glück gehabt hat im Leben, ein bissel zurückgeben sollte. Ich habe wirklich sehr viele Platten verkauft, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Menschen kennengelernt, die mir meine Karriere geebnet haben. Ich sehe mich als kritischen Menschen, aber ich kann nicht nur kritisieren. Drum denke ich: Was kann ich konkret tun? Das ist: das Thema öffentlich machen, Geld akquirieren.

-Dabei geben Sie ja auch mit Ihrer Musik viel her. Denken Sie darüber nach, wie sehr Sie das Leben Ihrer Fans prägen?

Das macht mir ein bissel Angst. Ich bin oft erstaunt, wie sehr meine Lieder das Leben begleiten von Menschen, von Familien. Wenn ich im Konzert sehe, wie ein Achtjähriger ein Lied mitsingt, das doppelt so alt ist wie seine Mutter. Das ist auf der einen Seite schön, auf der anderen Seite fühlt man sich da in der Verantwortung. Man muss überlegen, was man singt.

-Sie müssten nicht mehr touren. Woher nehmen Sie den Antrieb, auch ein 1000. Mal „Macho Macho“ zu singen?

Es ist Neugierde. Ich bin ja kein reiner Interpret. Der kann problemlos jedes Jahr eine neue Platte auf den Markt bringen. Der muss ja nur singen, der hat seine Texter und seine Komponisten. Der Liedermacher, der muss die Lieder selber schreiben. Dieser Vorgang, etwas Neues zu erschaffen, ist das Inspirative – diese blaue Blume der Fantasie ist wie ein Heilkraut für den Kopf. Ich finde: Der Künstler ist immer so viel wert wie das letzte Produkt, das er geschaffen hat. Man kann sich natürlich irgendwann darauf verlassen zu sagen: „Wissen Sie nicht, wer ich war?“ Für mich ist es aber ein Ehrgeiz, mich immer neu zu erfinden.

-Zum Oktoberfest-Schluss wird häufig Ihr „Bergwerk“-Song gespielt, dazu ein Meer aus Wunderkerzen. Berührt Sie das?

Echt? Ich hab’ das gar nicht gewusst! Ich war nur einmal auf der Wiesn, 20 Minuten, eingepfercht in einer Box – und mir ist schon nach der Fischsemmel blümerant geworden, weil die Luft so schlecht war. Aber klar, es gibt kein größeres Kompliment für einen Künstler, als wenn zu Lebzeiten seine Lieder Volksliedcharakter bekommen. Das ist wunderbar.

-Der Grat zwischen Schlager und Schnulze ist schmal. Was ist Ihr Geheimnis?

Den Unterschied macht der Humor. Wenn man etwa den Text von „Blond“ liest, geht es eigentlich darum, dass eine Frau, die sich unscheinbar fühlt, in dem Moment, wo sie beim Friseur war, plötzlich von den Männern beachtet bis belästigt wird. Das ist die Geschichte dahinter: Dass die Männer so blöd sind, sich von einer Haarfarbe so beeinflussen zu lassen, dass sie über eine Frau ganz anders urteilen. Auch das „Macho Macho“ ist eigentlich eine Verunglimpfung von diesem übertriebenen Männlichkeitsgehabe, das irgendwann einmal lächerlich wird. Dass einer, der in der Schule ein Depp ist, plötzlich Karriere macht, weil er gut aussieht in einer Unterhose. Das wurzelt im jüdischen Chanson der Fünfziger- und Sechzigerjahre. So sind meine Texte. Ich hab’ das selbst gar nicht gewusst – aber ein Musikwissenschaftler, der über meine Lieder promoviert hat, hat mir erklärt, was eigentlich dahintersteckt. (Lacht.)

-Haben Sie eines Ihrer Lieder besonders gern?

Immer das noch nicht Vollendete. Jedes Lied hat Herzblut, jedes ist geküsst und gepflegt und geputzt und wenn’s fertig ist, steht’s auf der CD im Regal. Ich höre mir meine Lieder dann nicht mehr an. Nur, wenn ich was Neues daraus mache. Ich schaue mich auch nicht im Fernsehen an. Ich bin sehr selbstkritisch und leicht zu verunsichern, wenn ich mich irgendwo sehe. Ich habe ein gestörtes Verhältnis zu meinem Konterfei – immer schon gehabt.

-Trotz der vielen Komplimente Ihrer Fans?

Dass andere einem Komplimente machen, hilft nix. Meiner Außenwirkung bin ich mir schon bewusst – aber ich muss mich nicht dabei sehen. (Lacht.) Ich habe keine Bilder von mir zu Hause stehen. Ich habe einen Raum, da hängen alle goldenen Schallplatten. Aber das sind Dokumente, die ich gar nicht so betrachte, das ist halt mein Leben. Am Ende zählt, was man zum Schluss macht. Das letzte Produkt, das ich abliefere, ist immer das, an dem ich mich selbst messe.

Das Gespräch führte Katja Kraft.

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