Ramponiert wie die Seele

- Julia und Jane entflammten einst auf einem Italientrip für denselben charmanten Franzosen. Der hat sich nun nach neun Jahren per Postkarte wieder gemeldet. Und die Busenfreundinnen, in wohlsituiert-ermüdeter Ehe längst bereit für Romanze und Frisch-Erotik, sind in lichterloh brennender Erwartung ihres Maurice und laut ihres Schöpfers Noel Coward "Gefallene Engel". In der Münchner Komödie im Bayerischen Hof sahnten die Prachtfrauen Michaela May und Katharina Müller-Elmau Applaus nur so ab.

<P>"Very hinreißend" sehen sie aus in ihren Charleston-Hausanzügen, lässigen Reise-Kostümen, Boas und kessen Feder-Hütchen (De-Luxe-20er-Jahre-Look von Roswitha Egger). Und jetzt, die Gatten Fred und Willy sind - praktischerweise - zum Golfen, warten sie auf ihn! Hindrapiert an die champagnerfarbenen Stores, in die cremefarbenen Sofa-Kissen.</P><P>De-Luxe-20er-Jahre-Look<BR><BR>Warten vergeblich. In einem bewundernswerten Marathon spielen sich May und Müller-Elmau durch Zittern und Zagen, durch das schließlich verzweifelt-hungrig verschlungene Willkommens-Menü, dessen Gänge Heide Ackermann als mysteriöser Hausmädchen-Schalk den immer stärker Sekt-bedüdelten Society-Damen auftischt. Sie balgen sich durch Eifersuchts- und wieder Hoffnungsszenen, bis Make-up, Abendrobe und der ganze gepflegte Salon (wie fürs TV-"Reich und Schön" von Thomas Pekny) so ramponiert sind wie ihre liebessüchtigen Seelen.<BR><BR>Bis zur Pause, nach der endlich, endlich Maurice (Frank Brunet) auftaucht und die Intrigen-Auflösungsmaschinerie um die fast gehörnten Ehemänner (Wilm Roil, Franz Wacker) abschnurrt, ist es eine elend lange Strecke. Regisseur Phil Young meinte offensichtlich, diese füllen zu müssen, wie es die Briten in den "well made plays" tun: durch ausgestellte, outrierte Spielart. Aber das eher "ordentliche" Komödien-Deutsch (Dirk Quaschnowitz) ist eben kein sprach-fexisches Englisch. Und so verfällt, für unser Theatergefühl, vor allem die schöne Katharina Müller-Elmau, wie perfekt auch immer als Schauspielerin, zu sehr ins Forcieren des Komischen. <BR><BR>Mildernde Umstände: Es ist ein frühes, daher kniffliges Stück - Allround-Talent und Vielschreiber Coward war erst 24. Und wenn die zum Seitensprung ansetzenden "Angels" bei der Uraufführung 1925 noch skandalträchtig waren, sind sie heute eher "out of date". Das muss man erst mal wegspielen. </P><P>Bis 17. April. Karten: Tel. 089/292810<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Hamlet ist Richter und Henker“
München - Gleich zum Auftakt des Jahres lassen es die Münchner Theater krachen. Wenige Tage nach „Macbeth“ am Residenztheater folgt in den Kammerspielen ein weiterer …
„Hamlet ist Richter und Henker“
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
München - Wer das Wort „fantastisch“ im Namen führt und auszieht, sein Best-of unters Volk zu bringen, der hängt die Messlatte hoch. Die Fantastischen Vier erfüllen den …
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
Im Reich von Mode und Magie
Zürich - Spätestens seit dem Terroristen-Epos „Carlos“ ist der französische Filmemacher Olivier Assayas auch deutschen Kinofans ein Begriff. Sein preisgekröntes Drama …
Im Reich von Mode und Magie
Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht

Kommentare