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Am Rande des Irrsinns

- Warum Vladimir Horowitz 1953 dieses Monster erschuf, ist nicht ganz klar. Sicher um seine widernatürliche Fingerfertigkeit vorzuführen. Wahrscheinlich aber auch, um die Pose des Tastenkünstlers auf die Spitze zu treiben: Virtuosität ohne Netz, am Rande des Irrsinns und kurz vor der Satire. Bei Lang Lang, gefeiert als sein fernöstlicher Wiedergänger, ist die Horowitz-Bearbeitung der zweiten Ungarischen Rhapsodie von Liszt jedenfalls in besten Händen.

Weil der 23-Jährige über eine solche Technik verfügt, dass man sich manche Momente gern noch mal in Zeitlupe gönnen möchte. Und weil er gleichzeitig signalisiert, wenn er lächelnd zwei Gänge zurückschaltet und im nächsten Takt dem Bombast die Luft rauslässt: Ist doch alles Zirkus, oder?

Naserümpfen ob des PR-Aufruhrs ist unangebracht. Lang Lang, nachzuhören jetzt beim Gastspiel in der schier überfüllten Münchner Philharmonie, ist wirklich ein Phänomen. Dazu ein charmanter Entertainer (im Zugabenreigen). Und einer, der nicht nur bei donnernder Hochromantik auspackt, sondern auch anderes wagt. Das freilich mit unterschiedlichem Erfolg: Mozarts Sonate C-Dur KV 330 schnurrte allzu lässig vorüber, bei Chopins h-moll-Sonate op. 58 dauerte es bis zum dritten Satz, bis zum mirakulösen Largo, als sich endlich die Tür zur Tiefenschicht öffnete.

Das Konzertfinale mit zwei Rachmaninow-Pré´ludes und Liszts Petrarca-Sonett Nr. 104 inklusive Rhapsodie überdeckt ja Entscheidendes: Nur fürs Explosive und für Tastensprints ist Lang Lang nicht zu haben. Zumal er gar nicht mit metallischer Brillanz blendet, sondern dem Steinway einen eher dunklen, manchmal weichen, basslastigen Klang entlockt. Nie flüchtet sich Lang Lang ins Wolkige, jeder Ton ist - ob hochlyrisch oder bei schwitzenden Passagen - profiliert. Was ihn besonders auszeichnet, etwa bei Schumanns "Kinderszenen", sind die Anschlagszaubereien, das chamäleonhafte Eintauchen in verschiedene dramatische Situationen, auch die geschmeidigen Atmosphärenwechsel.

Lang Lang, der Introvertierte also? Nicht immer gelingt ihm da die Gratwanderung zwischen empfundener und nur ausgestellter Emotion. Dafür ist vor allem Chopin zu entlarvend. Dennoch ein verblüffender Abend - Bravi, Standing Ovations. Ein reines Beethoven-Programm muss ja noch nicht sein.

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