Rasante Jagd auf die Objekte der Begierde

- Dreimal Jiri Kylián und dreimal anders - das wertvollste Markenzeichen für einen Choreographen. Sein "Svadebka", seit '92 im Münchner Repertoire, plus, neu erworben, "Bella Figura" und "Sechs Tänze" ergeben im Bayerischen Staatsballett jetzt ein typisch vielfarbiges "Kyli|2an Porträt". Eine Hommage an den großen Modern-Dance-Meister, die zugleich die Tänzer des Staatsballetts ehrt. Denn im "Kylianesken" sind sie - daheim. Applaus auch für das Staatsorchester unter Gabriel Feltz - bis die Handflächen wund waren (Nationaltheater).

<P></P><P>Vielleicht, weil Kylián fast mit jedem seiner Stücke wieder einen Neubeginn, eine andere Form sucht, altern sie nicht. Nicht mal ein graues Haar bei "Svadebka". In Strawinskys rhythmisch exaltiertem "Hochzeits"-Ritual laufen, trippeln, rennen Braut und Bräutigam (Kusha Alexis, Norbert Graf), Eltern, Freunde, eine ganze Dorfgemeinschaft in ekstatischer Vorfreude auf einen neuen Lebensbund. Die Dynamik, die geballte Kraft in den geschlossenen Tänzerreihen, die Attacke in den daraus explodierenden kurzen Soli, die Konzentration der kantig-hart geführten folkloristischen Arme, das alles vermittelt auch "innere Bewegung", reißt mit wie beim ersten Sehen.</P><P>Ganz anders "Bella Figura", eine Traumwelt aus dem Geiste von Malern wie Balthus. Erotik, seltsam kühl eingefroren in die "offenbarte" Form des menschlichen Körpers. Gleich zu Beginn schon, malerisch halb eingehüllt in den vorderen Vorhang, eine Tänzerin mit nacktem Torso. Später auch andere so, die Brüste im Licht bleich poliert wie Alabaster über den barock gebauschten roten Röcken. Wenn auch die Männer die Röcke tragen und alle neun als synchrone Gruppe über die Bühne kreisend gleiten, geht der einzelne Körper völlig auf in diesem mohnroten, bewegten Feld.</P><P>Kylian verwischt hier Identitäten, Grenzen, Wirklichkeiten. Lässt deshalb auch zwischendrin Vorhänge herunter, seitlich halb zuziehen, zeigt nur Ausschnitte des Bühnengeschehens. Und zu den verschiedenen getragenen Musiken (Pergolesi, Torelli, Vivaldi u. a.) tauchen Paare scheinbar aus dem Nichts aus, tanzen in scharf konturierten und weich schlingernden Marionetten-Gesten ihre mysteriös zerfallenden Pas de deux - Liebesbeziehungen befremdlicher Puppen - und verschwinden wieder in die Dunkelheit. Als ob sie nie gewesen wären.</P><P>Und dann ein Rausschmeißer der Sonderklasse, mit Finesse choreographiert auf den verschmitzten musikalischen Schwung von Mozarts "Sechs Deutschen Tänzen". Man weiß ja aus Kyliáns Haydn-"Sinfonie in D", wie ihm die Ideen für Bewegungs-Witz nur so zufließen. In den "Tänzen" findet sich eine etwas zerzauste "Mozart-Gesellschaft" ein. Man ist noch nicht ganz angekleidet. Und Coiffüren und Herren-Perücken verlieren ganze Wolken von Puder bei der rasanten Jagd auf die Objekte der Begierde. Inspiriert von Mozarts deftigen Bäsle-Briefen und vielleicht den wuselnden Marx-Brothers spult da in Stummfilm-Manier ein multipliziertes Beziehungs-Chaos ab zwischen Knuffen und Tändeln, Raufen und Scherzen - während die Rokoko-Roben (Ausstattung auch Kylián), frustriert, auch schon mal alleine über die Bühne rollen. So heiter kann Ballett sein.</P>

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