Rasendes Verwirrspiel

- Ein k.u.k.-Kaffeehaus ist der rechte Ort, die Liebe auf die Probe zu stellen. Hier treffen sich die Männer und schließen ihre fatale Wette ab. Hier agieren die Damen vermutlich als Inhaberinnen, samt Küchenmamsell Despina. Und hier ist auch das Personal schnell bei der Hand, um auf der hauseigenen Gasthausbühne das Brimborium zu veranstalten, das auf See ziehende und zurückkehrende Soldaten so mit sich bringen. Peer Boysen, der in Innsbruck seine Mozart-Spielwiese gefunden hat, setzte nun als Regisseur und Ausstatter "Così fan tutte" als letzte Da-Ponte-Oper auf die Bühne des Tiroler Landestheaters. Bei der Premiere am Samstag wurden er, der junge Dirigent Sascha Goetzel und das gesamte Ensemble mächtig gefeiert.

Boysen verkrampft sich nicht bei der Suche nach d e r alternativen Lösung, sondern konzentriert sich auf das Spielerische. Dabei reizt er das Verwirrspiel genüsslich aus, toppt es gar noch und jongliert gekonnt mit den verschwimmenden Ebenen. Was zählen Verkleidungen, was Realität, was Trugbild, wenn die Liebenden in die Abgründe ihrer Seelen schauen? Fiordiligi und Dorabella müssen in ihrer Auftrittsszene nicht irgendwelche Gemälde oder Fotos anschmachten, sondern dürfen sich innig an die "echten", zu Statuen erstarrten Liebsten schmiegen ­ nach kurzem, ahnungsvollem Stutzen den "richtigen" treffend…

Jugendliches Ensemble Zunächst steckt Boysen Ferrando, Guglielmo, Don Alfonso und die Mädels in kess stilisierte Rokoko-Kostüme mit Plastik-Perücken, die rasch davonfliegen. Als Soldaten streifen die Liebhaber den blauen Marinemantel über und als "Valacchi" schlüpfen sie in bunte Tücher. Nicht nur Fädenzieher Alfonso beäugt zusammen mit Ferrando und Guglielmo aus dem gläsernen Windfang heraus die Damen. Auch sie starren anwesend-abwesend auf den sich in Liebeszweifeln quälenden Ferrando. Längst ist aus dem launigen Verwechslungsspiel, das der Regisseur im ersten Akt furchtlos ins Komödiantische überdreht, bitterer Ernst geworden. Unter den Liebenden herrscht die totale Verunsicherung.

Für ihr fast noch pubertäres Auf und Ab, das sich in theatralischem Gehabe ebenso entlädt wie in musikalisch-magischen Wahrheits-Momenten (Terzett "Soave sia il vento") verfügt Innsbruck über das passende jugendliche Ensemble. Angeführt wird es von Juliane Banse, die keineswegs den Star herauskehrt. Aber als aufgewühlte Fiordiligi steht sie natürlich mit ihren beiden exponierten Arien besonders im Rampenlicht: Wie eine Marmorstatue beim felsenfesten bis in die Tiefe bruchlosen, flammenden Treuebekenntnis "Come scoglio" sogar auf dem Stuhl. Ihrem dunklen Sopran passt sich der helle, linear geführte Mezzo von Lysianne Tremblay als liebesanfälliger Dorabella schwesterlich an. Debra Fernandes‘ dralle Despina kündet mit festem, klarem Sopran von der Treulosigkeit der Männer und ermuntert ­ verletzt und trotzig eine Papierserviette zerfetzend ­ zur Revanche.

Nicht minder homogen stürzt sich das Herren-Trio ins heikle Bäumchen-wechsle-dich-Manöver: Michael Dries als Don Alfonso mit angenehmem Bass sowie Peter Sonn (Ferrando) und Dominik Hosefelder (Guglielmo) mit jugendlichem, stimmlich beglaubigtem Überschwang. Herausgefordert werden sie von Dirigent Sascha Goetzel, der Mozart zwischen die Extreme spannt: Gnadenlose, kantige Akkord-Schläge verheißen schon in der Ouvertüre nichts Gutes. Aufgepeitschte Accelerandi heizen die Emotionen an und zarteste, bis zum Zerreißen gedehnte Lyrismen träumen vom "Verweile doch" des Augenblicks. Das gibt Mozarts Partitur her, zumal mit großem Engagement musiziert wird. Vor allem von den stark geforderten Holzbläsern und von Klavier und Cello, die in den (bis an die Spannungsgrenze strapazierten) Rezitativen viel Fantasie und Sensibilität verraten. Innsbrucks "Così fan tutte" ist auf jeden Fall eine Reise wert.

Tel.: 0043/ 512/ 52 07 44.

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