Rathausgalerie: Wo Goethe Castro trifft

München - Die minimalistische Stahlskulptur ist ästhetischer, aalglatter Blickfang: leuchtende Kanten und Spitzen, die auch vielfach Münchner Bauprojekte begleiten. Doch was jenseits oder besser unterhalb diese kühlen und makellosen Fassade liegt, das zeigt Hermann Kleinknecht jetzt in der Münchner Rathausgalerie.

Phantome, Gespenster, markante Gesichter schälen sich aus diversen Malgründen, verfließen, konkretisieren sich, sammeln sich zu einer brodelnden Masse an Individuen, die meist bezugslos, hin und wieder mit kleinen, gemeinen Handlungen verknüpft sind. Bekannte Profile von Castro oder Goethe, dann Passanten, Lebende, Verstorbene, das Gewebe aus Köpfen scheint zeitlos, endlos, verschwindet und formt sich wieder wie Erinnerungs- und Wahrnehmungsfetzen.

Die Grundstimmung ist eine diffuse, brüchige und morbide; düstere Farben vermischen sich mit den Resten einer südlichen Tapisserie, giftiges Gelb konturiert manches Gesicht. Auch bei den Kinderbildern in Sand ist es eine dunkle, triste Stimmung, die auf verlorene Schicksale verweist. Diese Malereien, die Fotografien und Filme Kleinknechts sind hier kaum bekannt, obwohl er in München studierte, arbeitete und erst 2004 seine Ateliers nach Berlin und in die Bretagne verlegte. Es lohnt sich aber durchaus, den Blick weg von der Kunst am Bau zu wenden hin zu den Deutungsversuchen der Welt in der Malerei.

Kleinknecht konkretisiert dabei selten, er historisiert aber immer. Er fasst die nationale Stimmung in prägnanten Versalien im "Deutschen Wortmuseum" (1973-2007) auf Schwarz mit Begriffsketten wie Ideal, Begeisterung, Vaterland, Leid, Tugend, Erbe zusammen. Er graviert wackelig die Namen großer Denker und Literaten in eine Bleiplatte. Die Interpretationen der Geschichte sind so augenfällig wie subtil: Seien es nun die riesigen Schwarz-Weiß-Kopien von Pin-Ups aus den 60er-Jahren oder sei es das verrottete Hitler-Porträt in der Bodenvitrine. Lösungsansätze für die Bürde des deutschen beziehungsweise menschlichen Schicksals aber gibt Kleinknecht nicht. Im Gegenteil: Er lässt "menschen_antworten" und collagiert ein Bild der Gesellschaft, mit dem man nun selbst fertig werden muss.

Bis 29. November,

Katalog 10 Euro, zweiter Band folgt, Tel. 089/23 32 45 11; Eintritt frei.

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