Ostbahnhof ist für S-Bahnen wieder frei – noch immer herrscht Chaos

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Raum nehmen, Bewegung finden

- Wenn es ein Wettbewerb gewesen wäre - und bei elf (!) Nummern hatte es diesen Charakter -, dann hätte Annett Göhre den ersten Preis abgeschleppt mit ihrem "Abspann", einer herrlich ironischen, dabei hochästhetischen Reflexion aufs gängige Ballettrepertoire von "Bolero" und "Giselle" bis zur (Taylor-)Moderne, sie selbst ihr eigenes intelligent-charismatisches Instrument. "Tänzer choreographieren", seit 1999 jährliches Talente-Showcase von Philip Taylors BallettTheater München, wurde im Gärtnerplatztheater gefeiert - allerdings mit diesem kaum Unterschiede wertenden Insider-Jubel.

An die Adresse des jungen Jodel-Publikums: unkritischer Applaus hat noch keinen Künstler weitergebracht. Und: Diese Veranstaltung ist keine Familienfê^te. Angesichts des allgegenwärtigen Rotstifts sollte man sie im Gegenteil sehr ernst nehmen: dass sich hier eine weit und breit einmalige Choreographen-Schmiede entwickelt, könnte in Notzeiten einmal mit über den Ensemble-Fortbestand entscheiden.

Nach Ex-Mitglied David Middendorp ist nun Cayetano Soto der zweite, der sich vielversprechend ab sofort in die freie Choreographen-Laufbahn wirft. Mit feinem Gefühl für die Musik (Gardjie FT) und vokabelreichen Pas-de-deux-Bewegungen sein "Fugaz - Falling Star". Fließend schön auch der Pas de deux von Artemis Sacantanis in ihrem "Thessaloniki Blues". Mit der Rembetiko-Musik subtil spielend der persönlichkeitsstarke Jiri Kobylka und Katharina Neuweg, deren kleine Citymenschen-Studie "Im Park" später gezeigt wird.

Manchmal wachsen die Stücke nicht sehr weit über die hübsche Ausgangsidee hinaus, wie bei Alessandro Suoza Pereira mit seinen an Schnüren aufgepflanzten roten Luftballon-Herzen. Aber Raum nehmen, Musik und Licht mitdenken, Bewegung finden, das kann er, auch in dem gemeinsam mit der ausdrucksstarken Gesine Moog getanzten Sofa-Duo. Kurz: handwerklich geschult etwas auf die Bühne bringen können alle. Schon mal bemerkenswerte Basis, an der sich weiter feilen lässt. Beispiel: Annett Göhre. Nach mehreren kleinteilig verspielten Tanztheater-Arbeiten ist sie jetzt ganz bei sich angekommen. Während hinter ihr weiß auf schwarz der "Abspann" von 33 Stücken läuft, schiebt-biegt sie ihren Körper in die abartigsten Formen. Uhrwerkspräzise-schön, zu ihrem Lalala-Gesumme (vom Band) der jeweiligen Musik auch noch urkomisch-ernst. Anschauen (nur noch heute, 19. 30 Uhr)!

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