Raus aus der Gastarbeiter-Schublade

Heuer zum 25. Mal: Adelbert-von-Chamisso-Preis für deutsch schreibende Autoren nicht-deutscher Muttersprache

Ein nie versiegendes Goldsäckchen als Preis für seinen Schatten, das scheint Peter Schlemihl ein gutes Geschäft. Bis er merkt, dass er dadurch ein Außenseiter geworden ist. Erst als er sich wieder von dem Gold trennt, entkommt er dem Teufel und erhält Siebenmeilenstiefel, die ihn als Forscher in die weite Welt tragen. In E.T.A. Hoffmanns Werk ist dieser Schlemihl als Motiv eingegangen und schließlich in Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“.

Chamisso – der Mann ohne Schatten

„Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ ist wohl das bekannteste Werk des Dichters Adelbert von Chamisso. Als er es 1813 in Brandenburg schrieb, mag der Deutschfranzose sich selbst wie ein Mann ohne Schatten vorgekommen sein, wenn man diesen Schatten als Symbol für seine Heimat, seine französischen Wurzeln, seine Identität betrachtet: „Die Weltereignisse im Jahre 1813, an denen ich nicht tätigen Anteil nehmen durfte – ich hatte ja kein Vaterland mehr, oder noch kein Vaterland – zerrissen mich wiederholt vielfältig...“ Gemeint waren die Befreiungskriege gegen Napoleon, als Chamisso sich wegen der schlechten Stimmung im Volk sogar verstecken musste. Wie war er überhaupt nach Deutschland gekommen?

Flucht aus Frankreich zu Preußens Königin

Als Elfjähriger floh der in der Champagne geborene Grafensohn 1792 mit seinen Eltern vor den Revolutionsheeren aus Frankreich und strandete in Berlin. Er brachte es zum Pagen der preußischen Königin, leistete Militärdienst, begann zu dichten und widmete sich der Naturwissenschaft, speziell der Botanik. 1815 bis 1818 nahm er als Forscher an einer Weltumseglung teil, 1819 erhielt er eine Anstellung am Königlichen Herbarium in Berlin.

1985 schließlich wurde nach dem Immigranten, der den Verlust der Heimat hinter sich gelassen und wie mit Siebenmeilenstiefeln die Welt durchmessen hatte, ein Literaturpreis benannt, der alljährlich in München verliehen wird: Über 50 deutsch schreibende Autoren nicht-deutscher Muttersprache hat die Robert-Bosch-Stiftung seither damit ausgezeichnet. Und sie alle eint, dass eine ihnen fremde Sprache für sie selbst und für ihre Leser zu Siebenmeilenstiefeln wurde, die sie in eine neue, interkulturelle Welt tragen.

Autoren von Kertész bis Said und Asserate

Rafik Schami war 1985 der erste Förderpreisträger und erhielt 1993 den Hauptpreis. Mit beidem (1991/2002) wurde auch der in München lebende Lyriker und spätere PEN-Präsident Said geehrt. Ilija Trojanow („Der Weltensammler“) wurde 2000, Asfa-Wossen Asserate („Manieren“) 2004, Feridun Zaimoglu („Kanak Sprak“, „Liebesbrand“) 2005 ausgezeichnet und Imre Kertész 2001 noch vor seinem Nobelpreis mit der Ehrengabe – um nur einige Beispiele aus der namhaften Reihe zu nennen.

Die Anregung zu diesem Preis gab vor 25 Jahren der Literaturwissenschaftler Harald Weinrich, der 1983 einen Vortrag betitelte: „Um eine deutsche Literatur von außen bittend“. Die gab es zwar bereits, aber sie hieß noch etwas skeptisch „Gastarbeiterliteratur“, anschließend „Migrationsliteratur“. Neuerdings versucht man es mit „Chamisso-Literatur“. Wobei man natürlich fragen muss, warum diese innerhalb der deutschen Literatur einen eigenen Namen braucht. Schließlich, so beschrieb es die Lyrikerin Zehra Çirak 2001 bei ihrer Ehrung, wolle man ja mit anderen Autoren an der literarischen Qualität gemessen werden. Gegen die Gastarbeiter-Schublade hatte sie sich stets gewehrt.

Förderprogramm für Schriftsteller

Im Unterschied zu anderen Preisen erschöpft sich hier Ehrung und Engagement übrigens nicht in der Verleihung. Eine Begleitförderung ermöglicht viele Autorenlesungen, insbesondere an Schulen. In diesem Festjahr findet zusätzlich eine Reihe von Sonderveranstaltungen in elf Literaturhäusern im deutschsprachigen Raum statt. Péter Esterházy gibt heuer eine Anthologie mit Texten von Chamisso-Autoren heraus, und eine Jubiläumszeitschrift wird erscheinen. So groß also ist der neue, identitätsstiftende Schatten, den sich Chamisso in der Fremde als Dichter, Botaniker und preußischer Bürger erarbeitet hat, dass er bis in die heutigen Tage reicht – und eine Literatur ins Licht rückt, die bisher ein Schattendasein führen musste.

von Christine Diller

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Rea Garvey auf dem Tollwood: Glücklichsein ist so einfach
Von Jung bis Alt können sich die meisten Musik-Fans auf Rea Garvey einigen. Woran das liegt, zeigt er bei seinem Auftritt auf dem Tollwood. Die Nachtkritik.
Rea Garvey auf dem Tollwood: Glücklichsein ist so einfach
Jonas Kaufmanns Otello: Nur ein Seitensprung
Diesem Debüt hat die Opernwelt entgegengefiebert: Jonas Kaufmann singt in London erstmals die Titelrolle von Verdis „Otello“. So ganz passt die Partie nicht zu ihm.
Jonas Kaufmanns Otello: Nur ein Seitensprung
Verschwitzte Sommernacht mit „The Whiskey Foundation“ im Strom
Draußen rattern Züge über die marode Brücke, drinnen spielen sich die fünf junge Münchner „The Whiskey Foundation“-Musiker den Blues, Rock und Soul der 60er Jahre aus …
Verschwitzte Sommernacht mit „The Whiskey Foundation“ im Strom
Glut in der Zwiebel
Zum Auftakt des Münchner Filmfests wird der erste Dokumentarfilm über Bud Spencer uraufgeführt.
Glut in der Zwiebel

Kommentare